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Achtsamkeit als flexibler Perspektivwechsel

Das Konzept der Achtsamkeit ist sehr eng mit unserer Wahrnehmung verknüpft. Auch wenn wir unsere eigene subjektive Wahrnehmung nie gänzlich verlassen können, existieren dennoch verschiedene Perspektiven, die wir einnehmen können.

Unter der Perspektive der ersten Person verstehen wir das ganz eigene subjektive Erleben, das nur uns selbst zugänglich ist. In der Achtsamkeitspraxis üben wir diese Perspektive mit dem „reinen“ Beobachten ohne objektive sprachliche Begriffe und fernab sozialer Konventionen, Erwartungen und Verpflichtungen. Ziel ist u.a. eine heilsame Selbst-Gewissheit – ich als vertraute Person nehme mich bewusst-achtsam in meiner Gesamtheit mitsamt meiner (angeblich objektiven und allgemeingültigen) „Schwächen“ und „Fehler“ anerkennend wahr.

Die Zweite-Person-Perspektive entsteht in der Begegnung zweier Menschen auf einer Ebene, wenn man sich direkt aufeinander einstellt – mit möglichst wenig objektiven sprachlichen Festlegungen und Kategorisierungen. Ich stimme mich mit meiner Aufmerksamkeit immer wieder auf mein Gegenüber ein und spüre mich so in ihn hinein, dass ein gemeinsames harmonisches Ganzes entsteht. Es kann nicht mehr abgegrenzt werden, was Aktion und Reaktion ist – wie beispielsweise bei einem Partnertanz.

In der Achtsamkeitspraxis ist die Dritte-Person-Perspektive durch objektivierende Distanzierung und/oder sprachliche Benennung gekennzeichnet. Das erlebte Hier und Jetzt wird durch sprachliche Begriffe etikettiert und ggf. in Bezug zu sozialen Regeln und Konventionen gesetzt. Diese Distanzierung zur Ersten-Person-Perspektive kann hilfreich sein, wenn in der Ersten-Person-Perspektive z.B. sehr intensive und belastende Emotionen vorherrschend sind. Ziel entsprechender Achtsamkeitsübungen kann darüber hinaus die Entwicklung von „Erkenntnis“ sein – in Zusammenhänge des eigenen Erlebens Einsicht erlangen.

Sowohl Erste-, Zweite- und Dritte-Person-Perspektive sind im Rahmen der Achtsamkeitsübungen möglich und sinnvoll. Achtsamkeit kann es ermöglichen, überhaupt zu erkennen, welche Perspektive gerade im Erleben vorherrschend ist. Dadurch ist auch eine bewusstere Wahl der Perspektive und ein Wechsel zwischen den Perspektiven leichter möglich.


Übung


Am Wochenende beobachtete ich eine Interaktion zwischen einer Mutter und ihrer kleinen Tochter während eines Ballspiels. Dem Mädchen bereitete es unwahrscheinlich viel Spaß, den Ball so zu werfen, dass die Mutter trotz strecken, laufen und springen kaum eine Chance hatte, diesen zu fangen. Vielmehr war sie die meiste Zeit damit beschäftigt, den Ball zu suchen, ihn vorm Hinunterrollen eines Abhangs zu bewahren oder ihn schlicht zurückzuholen, um das Spiel mit ihrer Tochter wieder aufnehmen zu können. Es gab also keinen flüssigen Ballwechsel. Die Mutter, die sich an dieser Art der Beschäftigung nicht allzu lange erfreuen konnte, aber dennoch das Spiel mit ihrer Tochter aufrechterhalten wollte, gab ihr sinngemäß folgende Instruktionen: „Versuch Dich in mich hinzuversetzen. Das wird Dir helfen, herauszufinden, wie Du den Ball werfen musst, damit ich ihn fangen kann. Stell Dir vor, Du willst ihn mir zum Geschenk machen.“ Erstaunlich zeitnah zu dieser Anleitung begann ein Spiel, in dem der Ball nahezu ständig in der Luft blieb. (Die wenigen Ausnahmen, in denen der Ball noch zu Boden fiel, freuten die Tochter weiterhin.)

Wenn Sie Kinder haben, dann probieren Sie genau diese Übung mit ihnen aus. Leiten Sie sie in der oben beschriebenen Weise mit Ihren ganz eigenen Worten an. Beachten Sie im Spiel gleichzeitig, wie Sie selbst sich auf Ihr Kind einstimmen, seine Fähigkeiten abschätzen, versuchen zu erfühlen, welches die günstigste Flugbahn ist, um die Auge-Hand-Koordination des Kindes nicht zu überfordern, wann es vielleicht zur Erheiterung im Spiel erforderlich ist, einen Ball selbst mal nicht zu fangen und wann eine Motivationshilfe durch lobende Worte angebracht ist. Nehmen Sie also wahr, auf welche Weise es Ihnen gelingt, sich in die Perspektive Ihres Kindes hineinzuversetzen und so mit ihm in ein aufeinander abgestimmtes Spiel zu kommen.

Auch mit einem erwachsenen Partner ist dies spielerisch z. B. beim Tischtennis oder Badminton möglich. Sie können sich auch ein Musikstück auflegen und versuchen, die bei Ihrem Partner dabei entstehenden Bewegungsbedürfnisse zu erspüren, sich auf diese einzulassen und so ohne Tanzlehrer oder standardisierte Schrittkombinationen in einen gemeinsamen Tanzschritt zu kommen.


Übung für den Praxisalltag


Letztlich können Sie diesen Perspektivwechsel direkt im Rahmen Ihrer helfenden Tätigkeit erproben:
Ein guter Weg dafür ist, für einige Momente über das Gesagte „hinwegzuhören“ und anhand der Gestik, des Atemrhythmus, der Körperhaltung, der Tonart usw. herauszufinden, was das tatsächliche Bedürfnis ist. Ist es im Moment tatsächlich das Bedürfnis des Patienten/Klienten, Ihre Änderungsvorschläge kennenzulernen, die Ihnen vielleicht schon auf den Lippen liegen? Oder braucht er vielleicht erst einmal Anerkennung, dass er es bis hierher aus eigenen Kräften geschafft hat, und das nicht einmal schlecht? Oder braucht er vielleicht erst einmal einen Raum, seine Erschöpfung, seine Enttäuschung etc. erleben und teilen zu dürfen?
Beobachten Sie sich dabei, wie es Ihnen mit dieser Art des Erfahrens Ihres Gegenübers geht. Und welchen Einfluss die gewonnenen Erkenntnisse auf den weiteren Gesprächsverlauf und die therapeutische Beziehung haben.


Austausch mit Kollegen

Teilen Sie Ihre Erfahrungen über die Kommentarfunktion im Blog mit Ihren KollegInnen. Dies kann diese ermutigen, die Übung selbst auch einmal auszuprobieren. Denn aus unserer Erfahrung in den MBHP-Kursen besteht bei einigen Teilnehmern eine Hemmschwelle, diese Art der Übung sofort im Alltag der helfenden Tätigkeit umzusetzen.
Wenn es Ihnen auch so geht, dann probieren Sie diese Art der Übernahme der Zweite-Person-Perspektive erst einmal im privaten Umfeld aus. Auch hier ist es durchaus spannend, die Effekte auf sich selbst, auf das Gegenüber und den Gesprächsverlauf zu beobachten.

 

Wie nützt Ihnen der Perspektivwechsel in Ihrem Berufsalltag? Welche Übungen verwenden Sie dafür?

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