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Fünf-Elemente-Zirkel der Achtsamkeit: Benennen

Wie Sie in der vergangenen Woche vielleicht bemerkt haben, ist es gar nicht so einfach, bewusst und absichtsvoll „einfach nur“ wahrzunehmen und kontinuierlich zu beobachten. Wir sind gewissermaßen trainiert, uns über unsere Wahrnehmungen Gedanken zu machen, zu identifizieren, zu interpretieren, als „mag ich/mag ich nicht“ zu bewerten, zu vergleichen, Ursachen und Erklärungen zu suchen. Dieses ist natürlich oft angemessen und sinnvoll. Es kann aber auch für uns ungünstige Reaktionen auslösen, insbesondere, wenn wir darüber nur wenig bewusste Kontrolle ausüben (können).


Element: Benennen

Das Element „Benennen“ beinhaltet die Zuordnung von einfachen Worten und Beschreibungen zu non-verbalen Wahrnehmungsinhalten. Es soll nicht analysiert und bewertet, sondern etikettenhaft Worte für Wahrnehmungsgegenstände gefunden werden. Im Benennen der Achtsamkeitsübung will man eine elementare und einfache Zuordnung von Worten zu Erlebnistatsachen üben – beschreibend, nicht bewertend. Einen einfachen sprachlichen Ausdruck für das finden, was da ist.
Das Geräusch eines Vogels könnte man in diesem Sinne beispielsweise als „Piepen“ oder „Zwitschern“ benennen. „Vogel“ wäre in diesem Fall schon eine Schlussfolgerung aus der Art des Geräusches und keine elementare Benennung mehr. Beim Anblick eines Vogels wäre allerdings „Vogel“ eine basale Bennennung im Gegensatz z.B. zu „Taube“. Natürlich gibt es immer noch elementarere und abstraktere Benennungen wie z.B. „Lebewesen“ etc. Das Benennen lädt zum Experimentieren mit Begriffen ein.
Das Üben vom elementaren Benennen hilft uns dabei, nicht-hilfreiche Schlussfolgerungen und Bewertungen zu verringern bzw. als solche zu erkennen und uns von ihnen und damit verbundenen Emotionen und Handlungsimpulsen zu distanzieren – zum Thema „Nicht-Bewerten“ nächste und zum Thema „Nicht Reagieren“ übernächste Woche mehr.

Achtsamkeitsübung

Schaffen Sie sich für die Übung etwas Platz in dem Raum, in dem Sie sich aktuell befinden oder begeben Sie sich zu einer freien Fläche (z. B. einer Wiese), auf der sich keine Hindernisse befinden, über die Sie stolpern oder an denen Sie sich stoßen können. Gehen Sie dann am besten mit geschlossenen Augen herum und halten Sie sich gleichzeitig die Hände auf die Ohren. Lösen Sie die Hände immer wieder für einen kurzen Augenblick - genau lang genug, um das, was Sie in dem Moment hören, benennen zu können. Benennen Sie innerlich oder - wenn es die Situation erlaubt - auch laut, indem Sie z. B. sagen "Pfeifen", "Brummen", "Rauschen" usw. Das Schließen der Augen soll Sie dabei unterstützen, die gehörten Geräusche möglichst wenig zu interpretieren. Verfahren Sie so für etwa 3 Minuten.


Variationen
 der Übung

Wenn Sie in dieser Art des Benennens bereits gut geübt sind, können Sie die Schwierigkeit auch erhöhen, indem Sie weiter abstrahieren (z. B. "langer, gleichmäßiger Ton in tiefer Tonlage"). 

Sollte es Ihnen im Moment nicht möglich sein, sich einen mit geschlossenen Augen ungefährlichen Raum zu schaffen oder sich zu einem solchen Ort zu begeben, so können Sie diese Übung auch im Sitzen ausführen. 

Sie können die Modalitäten während der Übung auch variieren. So können Sie z. B. die zweite "Halbzeit" beim Üben mit geöffneten Augen durchführen und so wahrnehmen, welchen Einfluss die zusätzliche Information auf das Gelingen der Abstraktion hat. Werten Sie dann die Übung für sich oder - wenn Sie mit jemandem gemeinsam geübt haben - im Austausch miteinander aus. Was haben Sie erlebt? Was fiel Ihnen besonders leicht? Wodurch sind vielleicht Schwierigkeiten aufgetreten? Experimentieren Sie jetzt auch mit möglichen Abstraktionen der von Ihnen gewählten Begriffe. Damit können Sie sich noch einmal die selbstverständliche und gewohnheitsmäßige Nutzung von Interpretationen vergegenwärtigen. 

Vielleicht regt es sie auch an, einige Begrifflichkeiten im Blog mit anderen Lesern und Mitübenden zu diskutieren.

Kommentare:

23-06-12 09:24
Conni Eybsch-Klimpel
Ich finde, die Kunst beim Benennen liegt darin, es dabei zu belassen: Ueberschrift drauf und gut ist. Das Gehirn (zumindest meines) ist ein geschwaetziges Organ und will immerzu weitermachen. Wenn es mir jedoch gelingt, ist das sehr befreiend. Und ich kann mich wieder anderen Dingen zuwenden, ohne "im Untergrund" mit etwas anderem beschaeftigt zu sein. David Rock beschreibt das in "Brain@work" sehr erhellend.

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