DIN und ISO im Vergleich

Interview mit Prof. Dr. Lutz Hornke

Im Oktober ist die ISO 10 667 zur Eignungsbeurteilung
veröffentlicht worden. Nun liegt also
eine internationale Norm für eine Dienstleistung vor, die
in Deutschland – wenn sie gut gemacht wird – schon seit
Jahren einer deutschen Norm, der DIN 33 430, folgt. Wozu bedurfte es der ISO?


Bei der DIN handelt es sich um eine Norm für den deutschen
Sprachraum und das deutsche Rechtssystem, veröffentlicht
in deutscher Sprache. Die ISO entsprang dem
Wunsch von Industriestaaten und Schwellenländern nach
international gültigen und anerkannten Richtlinien bei der
Personalbeurteilung in Unternehmen und Organisationen.
Das hat auch etwas mit global agierenden Unternehmen
zu tun und mit der steigenden Zahl von Bewerbern
ganz unterschiedlicher Nationalitäten.


Wie groß sind die Unterschiede zwischen
beiden Normen?


Die jetzt vom ISO-Sekretariat in Genf veröffentlichte internationale
Norm basiert auf der englischen Übersetzung
der DIN 33 430. Insofern gibt es viele Gemeinsamkeiten.
Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe von Unterschieden,
die zum Teil daraus resultieren, dass man eine
international gültige Norm allgemeiner fassen musste
und dass seit Verabschiedung unserer DIN neun Jahre
vergangen sind. In der ISO sind also auch praktische Erfahrungen
mit der DIN bereits verarbeitet. Anders als in
der DIN werden in der ISO die Rollen von Auftraggeber
und Auftragnehmer, also einem Unternehmer, der Personalbeurteilung
in Anspruch nehmen will, und einem internen
oder externen Dienstleister, angesprochen. Das
kann hilfreich für die Vertragsvorbereitung, -gestaltung
und -erfüllung sein.


Welche Staaten haben an dem Prozess teilgenommen?


An der Erarbeitung, die insgesamt vier Jahre gedauert
hat, haben alle skandinavischen Länder, Großbritannien,
die Niederlande, Spanien, Italien und die USA teilgenommen,
außerdem China und aus Afrika Kenia. Die
Staaten waren durch Vertreter ihrer Normungsinstitute
und zum Teil durch zusätzliche Experten vertreten, darunter
so namhafte wie Wayne Camara, der Forschungsdirektor
des College Board in New York, das in
den USA Hochschulzulassungstests organisiert.


Inwiefern können z.B. Entwicklungsländer von ihr profitieren,
in denen die Rahmenbedingungen für eine
solche ISO-Norm noch längst nicht vorhanden sind?


Auch für sie ist die Norm ein Leitfaden, um Leid zu verhindern.
Ich sehe in ihr bisweilen mehr ein »ecucational
document« als ein Rechtsdokument. Die ISO-Norm regt
an, Eignungsbeurteilungen nach dem Stand von Wissenschaft
und Technik angemessen zu ordnen.


Gab es mit der DIN 33430 vergleichbare Normen
auch schon anderswo?


Im engeren Sinne nicht, aber es existierten teilweise
Gesetze. In Italien, Finnland und Dänemark z.B. besteht
eine viel engere Rechtsbindung psychologischer Tätigkeiten,
als wir sie kennen. In Großbritannien ist das Diagnostizeren
anhand von ständig evaluierten Instrumenten
sehr gut etabliert. Die British Psychological Society
organisiert eine Lizenz für berufliche Eignungsdiagnostik,
die eingetragene Psychologen, aber auch Angehörige
einschlägiger Berufe in verschiedenen Abstufungen
erwerben können.


Wie erklären Sie den Widerspruch, dass Deutschland
als erstes Land eine Norm hatte, in der Anwendung
von professionellen Eignungsbeurteilungen aber weit
hinter z.B. den USA und Großbritannien zurückliegt?


Das ist schon etwas skurril. Es liegt vermutlich an unserer
Mentalität. Wir wünschen uns in Deutschland eine Ordnung
im Sinne einer Norm, um unser Handeln daran messen
zu können und nicht nur fallorientiert vorzugehen. Es
hat auch etwas mit dem Rechtssystem zu tun. Unseres ist
kodifiziert; deswegen liegen uns auch solche Kodifizierungen
näher. In anderen Ländern gibt es Präzedenzbeurteilungen;
Fälle werden auf ihre Analogie zu vorangegangenen
betrachtet und entschieden. Es ist aber nicht so, dass
nur die Deutschen Guidelines in den europäischen und internationalen
Prozess hineingetragen haben. Auch Dave
Bertram aus Großbritannien hat das in der EFPA in anderen
Kontexten wiederholt getan. Und die US-Amerikaner
haben bereits in den 1950er-Jahren Leitlinien zur Testanwendung
im weiteren Sinne ausgearbeitet. Wir könnten
sogar noch weiter zurückgehen: Bereits 1912 wurde zur
damaligen Rekrutenbeurteilung ein Prozess entwickelt,
der wiederholbar war und in den angelernte Hilfskräfte eingebunden
werden konnten. Diese Guidelines sind weniger
Rechtsdokumente als Leitfäden für ein Vorgehen mit dem
Ziel, nichts zu vergessen, nichts falsch zu machen und eigene
wie etablierte Regeln einzuhalten. So gesehen sind
solche Normen viel besser zu verstehen; es geht weniger
darum, vor Gericht mit seinem Tun bestehen zu können.


Bedeutet die Veröffentlichung der ISO 10 667,
dass sich Psychologen und andere mit
der Personalauswahl Befassten nun einer speziellen
Fortbildung unterziehen müssen?


Es lohnt sich, sich mit der ISO vertraut zu machen, das ist
schon eine Art der Fortbildung. Sie ist der internationale
Standard für eine weltweite Eignungsbeurteilung bei Unternehmen
und Organisationen. Die DIN bleibt aber die
Norm, die an Bedürfnissen im deutschen Sprachraum, an
unseren Ressourcen und Rahmenbedingungen ausgerichtet
ist. Zu ihr gibt es auch organisierte Fortbildungsangebote,
die Praktikern helfen sollen, ein Normwerk in ein
praktikables Gewerk umzusetzen. Die DIN 33 430 wird in
den kommenden Jahren überarbeitet. Optimal ist es, beide
zu kennen und sich dann den eigenen Leitfaden für Eignungsbeurteilungen
zu erarbeiten und entsprechend zu
gestalten. Fortbildungen können nie schaden, zwingend
erforderlich sind spezielle Veranstaltungen zur ISO nicht.


Das Gespräch führte Christa Schaffmann.

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