Zur Geschichte der Klinischen Psychologie in der DDR

Im folgenden Beitrag wird die Etablierung der
Klinischen Psychologie in der Deutschen Demokratischen
Republik dargestellt. Dabei ging ihre Entwicklung
als Beruf der als Wissenschaft voraus, bis beide
Aspekte nicht mehr zu trennen waren und den Schwerpunkt
der angewandten Psychologie in der DDR bildeten.
In der Printausgabe von »report psychologie« konzentrieren
wir uns aus Platzgründen auf die Entwicklung
als Beruf. Den wesentlich ausführlicheren Text, in dem
auch die Entwicklung der Wissenschaft dargestellt wird,
samt Quellenangaben können Mitglieder und Abonnenten
im »report«-Archiv im Internet nachlesen.
Die Absolventen des 1941 in Deutschland eingeführten
Diplom-Studiums Psychologie mussten sich nach dem
Kriege ihr Berufsfeld in den Gesundheitseinrichtungen
der DDR ohne Anleitung erst erschließen. Dabei standen
junge Psychologen berufs- und lebenserfahrenen
Ärzten gegenüber, die sie zunächst als Hilfskräfte oder
Konkurrenten ansahen, ehe sich eine kollegiale Partnerschaft
durchsetzte.
In den 1950er-Jahren lösten Publikationen der ersten
Klinischen Psychologen eine Diskussion über ihren Beitrag
in der Medizin aus (Meyerhoff, 1950; Billenkamp,
1954; Bauer, 1955). Auf einer von der Gesellschaft für
Psychiatrie und Neurologie der DDR veranstalteten Tagung
über die Tätigkeit des Psychologen in medizinischen
Einrichtungen wurden dann die begrenzten Möglichkeiten
seiner Arbeit kontrovers erörtert. Als »Gehilfe
des Arztes« werde ihm eine »ungewöhnliche Bescheidenheit
« abverlangt (Protokoll, 1957, S. 255).
Streitpunkte blieben die Mitarbeit bei der Diagnosestellung
und Behandlung sowie die Verantwortung für
den psychischen Normal- oder auch Grenzbereich (Müller-
Hegemann, 1957; Katzenstein, 1957a, b). Deren Lösung
war wegen der größeren Patientennähe des Psychologen
schwieriger als bei den Chemikern, Physikern
oder Biologen in der Klinik und wurde in der Folgezeit
von beiden Seiten immer wieder neu behandelt (Kleinsorge,
1967; Starke, 1971; Kreyssig, 1979; Hennig & Gunkel,
1980; Jährig, 1981).
Die anfängliche Annahme, dass der Psychologe als »Lückenbüßer
« des Ärztemangels der Nachkriegszeit bei
besserer ärztlicher Versorgung nicht mehr benötigt
werde, erwies sich als Irrtum. Mit zunehmender Beachtung
psychischer Bedingungen des Krankheitsgeschehens
ließ sich der psychologische Beitrag nicht aus
dem medizinischen Handeln heraushalten.
So stieg die Zahl der Klinischen Psychologen bis 1990
kontinuierlich an, ohne dass der steigende Bedarf befriedigt
werden konnte. Doch gab es für die psychologische
Tätigkeit keine anderen rechtlichen Regelungen
außer ihrer Nennung im Rahmenkollektivvertrag für das
Gesundheitswesen von 1953 und im Gehaltsabkommen
über die Vergütung für Hochschulkader im Gesundheitswesen
von 1959 und 1988. Im Gegensatz zu den
Ärzten fehlten den Klinischen Psychologen damit gesetzlich
festgelegte Rechte und Pflichten.


Wachsende Einsatzgebiete und Kompetenzen


Erstes und bis zum Ende der DDR dominierendes Berufsfeld
waren die Nervenkliniken, gefolgt von Kliniken
der inneren Medizin, Kinderheilkunde, Neurochirurgie
und anderer medizinischer Fächer mit ihren Ambulanzen.
Mit dem Ausbau des Gesundheits- und Sozialwesens
und einer zunehmenden Zahl von Absolventen
des Psychologiestudiums kamen im Laufe der Zeit Rehabilitationskliniken,
geriatrische Einrichtungen, Beratungsstellen
für Alkoholiker, Erziehungs-, Ehe- und Sexualfragen
hinzu. Freie Niederlassungen gab es nicht,
wobei sich die Psychologen hierin nicht von den Ärzten
unterschieden.
Das breiter werdende Einsatzspektrum erweiterte die
Kompetenzen des Klinischen Psychologen. So folgte der
bloßen Erstellung psychodiagnostischer Befunde bei dürftigem,
meist nicht normiertem Inventar bald die Einbeziehung
in die Diagnosestellung, womit vor allem Vertiefungen
und Erweiterungen der differenziellen ärztlichen
Diagnose gemeint waren (Wendt, 1967; Krauss, 1979).
Diese Erweiterungen wurden erst durch die Übernahme
und Adaptation neuer, standardisierter Leistungs- und
Persönlichkeitstests aus der BRD und dem westlichen
Ausland sowie die spätere Konstruktion eigener Prüfverfahren
möglich. Darüber hinaus eigneten sich die
neuen Verfahren auch zur Kontrolle von Behandlungsverläufen
und der Wirkungen von Psychopharmaka.
Strittig blieb lange Zeit die Mitwirkung des Klinischen
Psychologen bei der Behandlung von Patienten. Einerseits
wurde sie strikt abgelehnt, denn »Heilung ist immer
ärztliche Aufgabe« (Protokoll, 1957, S. 254). Andererseits
wollte man den Psychologen schon vorher die
Beratung in Erziehungs- und Lebensfragen als Psychagogik
oder soziale Therapie zuerkennen und ihnen die
Leitung von Gruppengesprächen mit Patienten übertragen
(Müller-Hegemann, 1957; Hollmann & Hantel,
1948).
Nach der Schaffung von Ausbildungsmöglichkeiten für
bestimmte Formen der Psychotherapie durch die Gesellschaften
für ärztliche Psychotherapie der DDR (ab
1960) und für Psychologie der DDR (ab 1962) sowie im
Direktstudium für Klinische Psychologie (ab 1963) wurde
Ende der 1960er-Jahre die Zulassung von Psychologen
zur Psychotherapie in Zusammenarbeit mit dem Arzt,
d.h. in von ihm geleiteten Einrichtungen, möglich. Doch
schon kurze Zeit später wurden dort die Psychotherapien
überwiegend von Psychologen durchgeführt, wie
eine Umfrage bei den ärztlichen und psychologischen
Mitgliedern der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie
1973 ergab. In Rehabilitationseinrichtungen wurde
sogar angestrebt, dass der Psychologe neben Diagnostik
und Therapie auch leitende Funktionen übernahm
(Katzenstein & Presber, 1975).
Als forensischer Gutachter lieferte der Klinische Psychologe
zunächst nur Zusatzbefunde zum Gutachten
des Psychiaters. So blieb es auch für erwachsene Straftäter.
Für jugendliche Delinquenten wurde 1968 die
Kollegialbegutachtung der Schuldfähigkeit eingeführt,
wobei die bloße Begutachtung des Entwicklungsstandes
der Persönlichkeit wie auch die der Glaubwürdigkeit
minderjähriger Zeugen durch den Psychologen allein erfolgte.
Hierfür konnte ihm ab 1971 von der Gesellschaft
für Psychologie der DDR die Anerkennung als forensisch-
psychologischer Sachverständiger erteilt werden,
nachdem die Arbeitsgemeinschaft für Forensische Psychologie
der Gesellschaft für Psychologie die vom Bewerber
eingereichten Gutachten und in einem Gespräch
seine Kenntnis der von ihr dazu vermittelten Grundsätze
geprüft hatte. Forensische Gutachten wurden nur auf
Anforderung der Justiz- und Sicherheitsorgane und nur
aus staatlichen Einrichtungen erstattet (Schmidt & Kasielke,
1965; Werner, 1978).


Angleichung des Grundgehalts
von Ärzten und Psychologen


1954 schlossen sich ca. 30 Klinische Psychologen zur
»Arbeitsgemeinschaft der Psychologen im Gesundheitswesen
der DDR« zusammen. Sie delegierten ihren
Leiter in den 1958 beim Gesundheitsministerium eingerichteten
»Fachausschuss für nichtmedizinische Hochschulkader
im Gesundheitswesen«, damit er dort arbeits-
und tarifrechtliche Fragen regeln konnte. So
wurde erreicht, dass mit dem Gehaltsabkommen über
die Vergütung der Hochschulkader im Gesundheitswesen
von 1959 Psychologen im Grundgehalt den Ärzten
gleichgestellt wurden, denen freilich Facharzt-, Leitungs-
und Dienstzuschläge vorbehalten blieben.


Fachvertretung und Berufsethik


Ab 1960 erfolgte die Interessenvertretung durch die
Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften und Gremien:

  • Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie
    der DDR (1960),
  • Gesellschaft für Psychologie der DDR (1962),
    mit ihren Sektionen Klinische Psychologie im Kontakt
    mit der Sektion medizinische Psychologie der
  • Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie
    der DDR (1949) und dem
  • Wissenschaftlichen Rat für Psychologie
    der DDR (1977).


Klinische Psychologen waren Mitglieder in allen vier
Verbänden und in deren Vorständen dauernd oder zeitweilig
vertreten. In der Gesellschaft für Psychologie
stellten sie die Mehrheit der Mitglieder, den stellvertretenden
Vorsitzenden und die Leiter der Sektion Klinische
Psychologie, der Arbeitsgemeinschaften für Klinische
Psychodiagnostik, Rehabilitationspsychologie,
Partnerschafts- und Familientherapie, Verhaltenstherapie,
Gesprächspsychotherapie, Psychohygiene und Prophylaxe
und für Forensische Psychologie.
In der Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie (ab 1989
Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und
medizinische Psychologie) stellten Klinische Psychologen
die Hälfte der Mitglieder, die Leiter der Sektionen
Klinische Psychologie, für Verhaltenstherapie und für
Gesprächspsychotherapie (Letztere in Personalunion
mit der Gesellschaft für Psychologie), der Arbeitsgemeinschaft
Katathymes Bilderleben und von 1976 bis
1988 den Vorsitzenden.
Aufgaben der wissenschaftlichen Gesellschaften waren
die Förderung wissenschaftlichen Lebens durch Zusammenführung
von Forschern, Ausbildern und Praktikern
und die Fortbildung ihrer Mitglieder. Die berufsständische
Vertretung oblag hingegen der Gewerkschaft
(FDGB). Infolgedessen gab es keine besondere Berufsordnung
für Psychologen und auch kein Ehrengericht
zur Ahndung von deren Nichteinhaltung. Klinische Psychologen
unterlagen der Rahmenkrankenhausordnung
mit den darin festgelegten Pflichten. Verstöße dagegen
wurden disziplinarisch bzw. strafrechtlich (Schweigepflicht)
verfolgt (Gürtler et al., 1982).
Die psychologische Berufsethik war in den Statuten der
Gesellschaft für Psychologie nach dem allgemeinen Hinweis
auf die Grundsätze der sozialistischen Ethik und
Moral nicht weiter expliziert worden. In der politischen
Orientierung folgte die Klinische Psychologie den »Beschlüssen
von Partei und Regierung« zum Ausbau des
sozialistischen Gesundheits- und Sozialwesens. Ihre
ideologische Ausrichtung blieb dabei zurückhaltend.

Prof. Dr. Hans-Dieter Rösler

 

Langversion des Textes (PDF)

Autor
Prof. em. Dr. Hans-Dieter Rösler 
Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie Universität Rostock 
Postfach 10 08 88 
18055 Rostock
hans-dieter.roesler(at)uni-rostock.de 

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