Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft

Interview mit Gerhard Blickle

Müssen Führungspersönlichkeiten in der Zukunft anders sein?
Die zentrale Persönlichkeitseigenschaft in Führungspositionen ist Extraversion. Eine Person in einer Führungsposition muss vital sein, auf Menschen zugehen, eine warmherzige Ausstrahlung haben und den Willen, für die Gesamtgruppe zu sprechen und Verantwortung zu übernehmen. Extraversion ist etwas, was man in die Wiege gelegt bekommt. Dieses Talent muss dann aber entwickelt und verfeinert werden, das heißt, aus einer Anlage muss eine Kompetenz werden. Bei Führungskräften sind die wichtigsten Kompetenzen, Bedürfnisse anderer zu erkennen, auch wenn diese sie nicht explizit artikulieren, also Sensibilität für Stimmungen. Die Fertigkeit, andere zu bewegen, kurzfristig eigene Vorteile für das Wohl des Ganzen hintenanzustellen, also Überzeugungskraft. Die Fertigkeit, Situationen durch das eigene Auftreten in einem bestimmten Sinn definieren
zu können, um so Vertrauen zu schaffen und eine starke Verhandlungsposition zu bekommen, also gelingendes Impression Management. Und schließlich muss eine Führungskraft ein großes Handlungsrepertoire und sehr viel Verhaltensflexibilität haben, um je nach Situation ganz unterschiedlich auftreten zu können.

Wird sich zukünftig beim Thema »Führung« etwas verändern müssen oder alles oder einiges gleich bleiben? Welche Eigenschaften sind die wichtigsten?
Ich denke, dass hier in Deutschland die Dinge relativ gut laufen. Wir haben zum einen starke Gewerkschaften und eine gesetzlich gut verankerte Mitbestimmung in den Betrieben und Verwaltungen. Zudem haben wir einen funktionierenden Rechtsstaat und ein Verfassungsgericht, das die Politiker effektiv kontrolliert und korrigiert. Und wir haben Politiker, bei denen Korruption und Vetternwirtschaft eher die Ausnahme als die Regel sind. Auch unser System, wie wir Führungspersönlichkeiten in der Politik rekrutieren, finde ich sehr gut. Jeder, der ein politisches Mandat anstrebt, muss erst die Leute an der Parteibasis von sich überzeugen. Dann stimmen sie darüber ab, ob diese Person kandidieren darf, und erst dann steht jemand für die Bürger zur Wahl. Wer diesen Auswahlprozess durchlaufen hat, hat schon damit politisches Geschick bewiesen. Denn diese Person muss auf ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen persönlich zugehen. Sie muss herausfinden, was diese Leute wirklich wollen, auch wenn sie es nicht direkt sagen. Sie muss Koalitionen schmieden und Kompromisse finden, die so tragfähig sind, dass sie die Mehrheit bekommen. Das ist ein evolutionärer Ausleseprozess. Sogenannte Fachleute haben immer die Kirchturmperspektive ihres Fachwissens. Die Kunst einer politischen Führungspersönlichkeit in der Demokratie ist
aber, aus einer Vielzahl von Personen eine handlungsfähige Einheit zu schaffen, ohne die Pluralität von Interessen und Persönlichkeiten in Frage zu stellen.

Welchen Stellenwert hat dabei emotionale Intelligenz?

Emotionale Intelligenz ist dabei eine sehr wichtige Kompetenz, denn sie hilft, die wahren Bedürfnisse und verborgenen Wünsche anderer richtig zu erkennen. Sie hilft, die Emotionen der Betroffenen richtig einzuordnen, also
zu verstehen, woher deren Wut, Verzweiflung, Hoffnung, Leidensfähigkeit und Begeisterung wirklich kommt? Emotionale Intelligenz äußert sich auch darin, die eigene Verfassung richtig einzuordnen und sich selbst angemessen auf die jeweilige Situation auszurichten. Und schließlich gehört zur emotionalen Intelligenz auch die Regulation der Emotionen anderer, zum Beispiel: Wie bringe ich einen Wutbürger dazu, überhaupt zur Wahl zu gehen? Oder: Wie erhalte ich auf dem Höhepunkt der Bankenkrise das Vertrauen der Sparer in ihre Banken?

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