Ein Jahr DSM-5

Die Revision des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM) wurde bereits vor ihrer Veröffentlichung heiß diskutiert – nicht nur in den USA, wo das Klassifikationssystem auch tatsächlich in der Praxis eingesetzt wird, sondern auch hier in Deutschland. Rund um die Revision des von der American Psychiatric Association herausgegebenen Werkes gab es Schaumschlägerei und ernsthafte Kritik. Grund genug, ein Jahr nach der Veröffentlichung des DSM-5 Prof. Dr. Frank Jacobi (Psychologische Hochschule Berlin) zu interviewen.

Haben sich Ihrer Meinung nach die geäußerten Befürchtungen bewahrheitet?
Wenn wir von den Befürchtungen der Kritiker des DSM-5 sprechen, wie etwa dass es durch dessen Einführung zu einem sprunghaften Anstieg der Diagnosen kommen könnte oder dass mehr Kinder Psychopharmaka einnehmen: Dies sollte am ehesten in den USA sichtbar werden. Tatsächlich lässt sich aber nach einem Jahr noch nicht zwangsläufig eine Aussage darüber treffen, inwiefern sich dort die Situation verändert hat. Es bleibt also abzuwarten und genau zu beobachten.

Können Sie die hitzige und auch mitunter emotionale Diskussion rund um das DSM-5 in Deutschland nachvollziehen, wo wir ja letztendlich nur sehr indirekt von der Überarbeitung betroffen sind?
Ich kann nachvollziehen, dass wir uns ernsthafte Gedanken dazu machen müssen, was wir in unserer Gesellschaft an das Gesundheitssystem delegieren wollen und was nicht. Deutlich wird das zum Beispiel im Zusammenhang mit hyperaktiven Kindern: Hier besteht die Gefahr einer übermäßigen »Medikalisierung«, wenn eine ADHD-Diagnose zwar eine Behandlung zur Folge hat, aber vernachlässigt wird, dass zuallererst die Lebensbedingungen geändert werden müssen oder das Wohnumfeld beziehungsweise das, womit sich das Kind beschäftigt, und wer sich um beides kümmert. Ich sehe da einen gesellschaftlichen Missstand. Das kann so auf Dauer nicht funktionieren, denn aufgrund dieser Entwicklung werden zum einen große gesellschaftliche Potenziale nicht mehr entfaltet und zum anderen Menschen, die es wirklich brauchen, die Ressourcen entzogen – ganz abgesehen von möglichen Risiken und Nebenwirkungen der Behandlung. In diesem Sinne finde ich jede Diskussion um psychische
Erkrankungen in unserer Gesellschaft sinnvoll. Schade ist allerdings, dass die Kritik am derzeitigen System mitunter so unsachlich vorgetragen wird. So sind neben kritischen Artikeln auch Bücher entstanden, wie zum Beispiel Jörg Blechs »Die Psychofalle«, die auf Missstände aufmerksam machen wollen, aber leider vor allem tendenziös und polemisch daherkommen.

In welcher Hinsicht?
Dass die Lektüre den Leser zum Beispiel mit dem Bild zurücklässt, dass Psychotherapeuten nicht nur vollkommen gesunden Menschen Diagnosen geben, sondern dann zudem nur die leichten Fälle behandeln und
die wirklich Kranken wegschicken. Ich würde nicht mal behaupten wollen, dass das alles nur Unsinn ist: Wenn wir einmal die Zahl der jährlich abgerechneten Anpassungsstörungen betrachten, stellt sich die Frage, ob das nun wirklich alles Fälle sind, für die Richtlinienpsychotherapie indiziert ist. Und generell werden im Rahmen der Psychotherapie im Vergleich zur Psychiatrie mehr leichte als schwere Fälle behandelt. Warum allerdings auch nicht? Es greift zu kurz zu sagen, es sollten alle Ressourcen den schlimmsten und schwersten Fällen vorbehalten bleiben. Wir behandeln ja Diabetiker auch nicht erst dann, wenn schon mindestens ein Fuß abgenommen werden muss. Zudem wird oft so getan, als habe sich die Behandlung Schwerkranker verschlechtert, da an dieser Stelle Ressourcen verloren gegangen sind. Doch das ist nicht wahr. Eher ist mit den vermehrten Angeboten der ambulanten Psychotherapie eine neue Ressource hinzugekommen, die sich allerdings vor allem auf leichtere bis mittelschwere Fälle richtet. Das muss und kann man ruhig zugeben. Aber die Art, in der diese Sachverhalte dargestellt werden, ist oft sehr tendenziös, und manche Argumente sind schlecht recherchiert oder schlichtweg falsch. Und das stört mich.

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