Fehler sind nicht falsch

Interview mit Michael Frese

Ein Kind muss tausendfach fallen, bevor es laufen lernt. Dass Fehler zum System »Lernen« einfach dazugehören, ist das Plädoyer von Prof. Michael Frese (Leuphana Universität in Lüneburg/NUS Business School in Singapur). Der Arbeits- und Organisationspsychologe führte unter anderem Feldstudien zu Fehlern, zum Fehlermanagement und zur Kultur des Fehlermanagements durch. Zuletzt beschäftigte er sich mit Studien zu kulturellen Faktoren in Organisationen und internationalen Kontexten, Forschung zu psychologischen Erfolgsfaktoren von Unternehmern in Europa und in Entwicklungsländern (Afrika, Lateinamerika und Asien) sowie mit dem Thema Innovation. Alenka Tschischka sprach mit ihm über das Positive an Fehlern.

Warum sollte man Fehlern lernorientiert gegenübertreten?
Man bekommt Fehler nicht aus dem System heraus, weil Menschen aufgrund ihrer beschränkten Prozesskapazität immer Fehler machen werden. Von der Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten, müssen wir Fehler machen. Wir sollten wissen, dass Fehler negative Konsequenzen haben können. Wir sollten aber ebenfalls wissen, wie wir aus den negativen Konsequenzen herauskommen. Wir sollten Fehler managen, oftmals so schnell und so gut, wie es geht. Aber wir sollten auch das Positive des Fehlers sehen, nämlich, dass man aus ihm lernen kann und in Fehlersituationen Innovationen entwickeln kann.

Wie hängen Fehler und Innovationen zusammen?
Wenn man neue und unbekannte Situationen aufsucht, macht man mehr Fehler. Gleichzeitig kann man in neuen Situationen auch Neues finden. Das kann man sich dann genauer anschauen, und eruieren, ob dabei etwas Interessantes entsteht. Auch in der Wissenschaft kann man häufig aufgrund von Fehlern Neues entdecken oder neue Theorien entwickeln. Das gilt auch für die Entwicklung in der Industrie. In der Pharmakologie hat man das schon x-mal gezeigt. Jede Innovation ist mit Fehlern kombiniert, da man bei Innovationen kaum etwas aus dem Stand richtig machen kann. Da wir das wissen, wird man kaum Innovationen angehen, wenn man Angst vor Fehlern hat – und wenn ein Unternehmen Fehler bestraft.

Wie häufig ist denn Fehlermachen »normal«?
Fehler tauchen ziemlich häufig auf. Nicht immer exakt dieselben Fehler, aber häufig im selben Bereich. Das hängt damit zusammen, dass wir aufgrund von Heuristiken handeln. Diese sind geprägt von der Persönlichkeit, von Vorurteilen, von der Kultur und auch von den Erwartungen. Wir machen relativ häufig ähnliche Fehler.

Brauchen wir in Unternehmen eine Fehlerkultur?
Ich spreche lieber von Fehlermanagementkultur. Menschen versuchen zunächst immer, Fehler zu vermeiden. Aber es genügt nicht, nur den Fehler vermeiden zu wollen. Wir müssen auch lernen, solche Fehler, die unweigerlich auftauchen, zu managen. Fehlermanagement heißt, den Fehler schnell zu erkennen, ihn schnell zu korrigieren und dabei auch schnell die sozialen Konsequenzen anzugehen. Dazu gehört auch, über Fehler zu kommunizieren, und die potenziellen negativen Fehlerkonsequenzen zu minimieren – Letzteres bedeutet oft, dass wir mögliche Betroffene informieren oder uns entschuldigen.

Was passiert, wenn man diese Fehlermanagementkultur nicht pflegt?
Wenn eine Fehlervermeidungskultur existiert, kommt es häufig zu negativeren Fehlerkonsequenzen. Sie führt dazu, dass man Fehler weniger erwartet und deshalb weniger leicht entdeckt. Da Fehler negativ besetzt sind, entsteht ein Prozess der Beschuldigung von Dritten. Außerdem
werden Fehler unter den Teppich gekehrt und gerade nicht kommuniziert. Neben der Fehlervermeidung, die eher in den meisten Betrieben existiert, muss man also bewusst eine Fehlermanagementkultur etablieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass Firmen mit einer guten Fehlermanagementkultur profitabler und sicherer sind. Letzteres hat sich besonders in der Luftfahrt gezeigt. Während eines Flugs gibt es nur wenig Zeit, auf Fehler zu reagieren. Deshalb ist es besonders wichtig, dass der Pilot auf Äußerungen oder Warnungen seines Kopiloten reagiert. Fehlermanagement bedeutet nun, dass Routinen entwickelt werden, wie man auf diese Äußerungen reagiert und sie dabei ernst nimmt.

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