Vertragsbruch zwischen den Generationen

 Hintergründe jugendlicher Gewaltbereitschaft

 Große Teile dieses Textes entstanden vor mehr als zwölf Jahren. Ich musste ihn nicht stark umschreiben, lediglich an einigen Stellen die Gegenwarts- mit der Vergangenheitsform tauschen und Tschernobyl durch Fukushima ersetzen. Das Wesentliche hat sich nicht geändert.
 Das Thema »Jugend und Gewalt« war schon vor Jahren, in den 90ern, mehrfach Aufmacher in den Medien. Es verband sich mit Berichten über wachsende Ausländerfeindlichkeit, den Gewalttätigkeiten von Lichtenhagen und anderenorts, den Attentaten von Mölln und Solingen. Die Akteure waren hier fast nur Jugendliche, die in ihrem Handeln ein erschreckendes, von vielen ungeahntes Maß an Gewalt zeigten. Eine Untersuchung über Gewalt und ihre Ursachen an Hamburger Schulen ergab ganz ähnliche Erklärungsversuche, wie wir sie heute lesen. Elternverbände forderten ihre Mitglieder auf, nicht mehr weg –, sondern endlich stärker hinzuschauen. Eltern selbst machten inaktive und reaktionslose, quasi durch ihre eigenen 68er- Traditionen gelähmte Lehrer verantwortlich für aggressive Schüler im Unterricht. Die Polizei schlug vor, zu filtern (das Wort »selektieren« wurde nicht benutzt) und mit Sanktionen wie natürlich auch therapeutischen Maßnahmen zu helfen. (»Gerade noch die Kurve gekriegt«, hätten damals Jugendliche gesagt.) Kultusminister forderten mehr Angebote für Schüler am Nachmittag nach dem Motto: »Wer was zu tun hat, kommt nicht so leicht auf dumme Gedanken.« Vielleicht ein kluger Gedanke. Die GEW plädierte für eine neue Kinder- und Jugendpolitik mit einem System die Familien ergänzender Erziehung und vielfältigen Freizeitmöglichkeiten.
 Psychologen erkannten (zum wievielten Mal?) den zu hohen Leistungsdruck in dieser unserer Gesellschaft, prangerten Ellenbogenmentalität und Egoismus an und verlangten für die Kids Freiräume zur Selbstauseinandersetzung (das Leben eine einzige Selbsterfahrungsgruppe unter Anleitung erfahrener Therapeuten?). Lehrer schließlich konstatierten die Gewaltzunahme, beklagten ihre schlechte pädagogische Ausbildung in dieser Hinsicht und wünschten sich didaktische Aufrüstung, um dem Problem besser entgegentreten zu können. Jeder Standpunkt war für sich gesehen so falsch nicht. Aber die vereinzelten Diskussionen fanden nicht zum großen Zusammenhang, sie kreisten um den heißen Brei. Auch die seriöse Wissenschaft hatte sich des Themas bemächtigt; zahlreiche Untersuchungen, zum Beispiel des Deutschen Jugendinstituts oder aus dem Bielefelder universitären Großraum, waren erschienen. Allen gemeinsam war sorgfältiges Arbeiten, differenziertes Bemühen um Klärung nicht zu einfacher Fragestellungen und nicht zuletzt der Anspruch, mit repräsentativen Stichproben umzugehen.
 Auch das war so falsch nicht, im Gegenteil: Eine Fülle fundierter Daten stand zur Verfügung, warf weitere Fragen auf, vielleicht für weitere Untersuchungen? Die Ereignisse im August in England bringen mich dazu, erneut anzuregen, einen anderen Weg zu gehen, sich der gewalttätigen Jugend nicht ganz so wissenschaftlich-seriös oder aus der Sicht partikulärer Standpunkte anzunähern. Aufregend wie gefährlich daran ist, dass wir dieser Jugend wirklich begegnen müssen, sie gegebenenfalls sogar begreifen oder verstehen werden und dass wir allesamt dabei mit unserer gewiss nicht geringen Berufsund Lebenserfahrung arbeiten können. Unausweichlich wird auch sein, Aspekte unserer eigenen Jugend abzugleichen mit dem, was Jugend heute heißt.
 Unstrittig ist wohl, dass bei unseren Jugendlichen kein Gewalt erzeugender Gensprung aufgrund erhöhter Sonnenfleckentätigkeit oder wegen Fukushima stattgefunden hat; exogene Faktoren können wir ausschließen.
 Diese Abklärung ist ebenso banal wie wichtig. Damit kommen wir geradewegs und ohne Umwege zum Einstieg in die Erkenntnis, dass in dem überaus komplexen und komplizierten System des Miteinanderlebens, das wir Gesellschaft nennen, zunehmende Gewalttätigkeit von Jugendlichen nur endogene Gründe haben kann. Generell lässt sich sagen, dass im erwünschten wie im unerwünschten Verhalten von Kindern und Jugendlichen immer der Zustand einer Gesellschaft abgebildet wird. Jugend ist Indikator für Verwerfungen und Brüche in der kollektiven Struktur, reagiert dabei äußerst sensibel und intensiv. Es ist das schon immer ausgeübte Vorrecht junger Menschen, das Regelsystem ihrer Gesellschaft mit seinen Normen, Werten und Zielvorstellungen zu hinterfragen und damit Bewährtes von Überholtem zu trennen, Vorschläge für Innovationen zu machen und sich letztlich mit diesem Prozess konstruktiv in die Lebensumstände zu integrieren. Jugendliche kommen, wenn man sie nicht schon früh frustriert, mit hohem moralischen Standard auf die Erwachsenenwelt zu. Sie messen und bewerten für Erwachsene oft überzogen den vor ihnen liegenden Lebensabschnitt aus ihrer Sicht.
 Was das heißt, sagt besser als tausend Worte ein kleines Märchen, nachzulesen in der Sammlung der Gebrüder Grimm – wenn es auch manchem bekannt sein sollte. Lassen wir es in seiner alten Schreibweise auf uns wirken:

Der alte Großvater und der Enkel
 Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen. Da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er aber sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. »Was machst du da?«, fragte der Vater. »Ich mache ein Tröglein«, antwortete das Kind, »daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.« Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete. (Aus: Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, Göttingen 1840, 4. Auflage, 1. Band). Horst Petri schreibt in seinem Buch »Umweltzerstörung und die seelische Entwicklung unserer Kinder« (Kreuz, Zürich 1992) unter dem Stichwort »Vergiftung der Kindheit « unter anderem von »desintegriertem Sozialverhalten der jungen Generation und einem beunruhigenden Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust gegenüber Erwachsenen und speziell den politisch Verantwortlichen«.
 Wir wissen aus vielen Befragungen, ich aus meiner alltäglichen Therapie- und Beratungspraxis, dass Kinder keine naiven Wesen sind, die in einer heilen Pumuckel- Welt leben. Sie sind stattdessen meist recht gut informiert über die Schattenseiten, kennen das Böse nicht aus den grimmschen Märchen, sondern aus der »Tagesschau«.
 Die negativ erlebte und real auch so existente Umwelt kann in der Binnenwelt kindlicher Psyche zu Identitäts- und Entwicklungsstörungen führen, sich zum Beispiel in der viel diskutierten »Umwelt- und Zukunftsangst « von Kindern und Jugendlichen ausdrücken. Kinder erleben zu Recht die vielfältige Bedrohung und Zerstörung der Umwelt als Angriff auf ihre Zukunft. Zu ihrem archaischen Verständnis des Generationenvertrags gehört, auch wenn sie es nicht so formulieren, der Schutz ihrer Grundrechte auf Leben, Gesundheit, Entwicklung und Zukunft durch die Erwachsenen.
 Diese Loyalitätsverpflichtung gegenüber ihren Kindern hat die Erwachsenengeneration seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt, im direkten Wortsinn. Der Bruch ungeschriebener, gerade deswegen aber moralisch hoch wirksamer Verträge zwischen den Generationen kann bei den Betrogenen Rachegefühle und Vergeltungsaggressionen produzieren. Ein Potenzial an Wut und Gewalt, das sich fast beliebig gegen sich selbst, Altersgenossen, die andere Generation oder leicht zu fokussierende Randgruppen der Gesellschaft richten kann, entsteht. »Was soll ich euch achten, wenn ihr mich nicht achtet«, war die Antwort eines Jugendlichen auf die entsprechende Frage.
 Die Problematik jugendlicher Gewalt verlangt von uns Beratern und Therapeutinnen nicht nur, nach draußen zu gehen statt überholter »Komm-Struktur«, sondern noch viel mehr. Wir werden nicht umhinkönnen, unser (doch wohl hoffentlich vorhandenes) gesellschaftspolitisches Denken und Handeln auch in unserer Arbeit deutlich werden zu lassen. Wir haben auch die Aufgabe, neben aller therapeutisch notwendigen Akzeptanz und Toleranz für die Palette menschlicher Äußerungsformen, auf Defizite kollektiver Entwicklung und die psychische Gefährdung einer ganzen Generation hinzuweisen und Lösungsvorschläge zu machen.
 Es wäre fatal, das menschliche Miteinander der herkömmlichen Politik zu überlassen. Sie ist, wie man ja sieht, damit überfordert, braucht Impulse und persönliches Engagement aus einer Berufsgruppe, die wie keine andere kompetent sein sollte, das Zusammenleben von Menschen individuell wie kollektiv zu verstehen, Entwicklungen zu prognostizieren und konstruktiv zu gestalten.
 Es gilt, eine neue Diskussion über Normen und Werte einer Gesellschaft, über Maßstäbe gemeinsamen Lebens zu initiieren, zu begleiten, an ihr zu partizipieren. Kinder und Jugendliche werfen mit ihrem gewalttätigen Verhalten Fragen auf, die nur als praktische Umsetzung in die Lebensumstände beantwortet werden können. Der Klient »Familie« (Kinder, Jugendliche, Eltern) braucht gesellschaftlich real existente Beraterinnen und Berater (Jungen vor allem die männliche Form!). In Thesenform heißt das:

  1. Jugendliche heute sind nicht defizitärer, radikaler oder absonderlicher als Jugendliche früher.
  2.  Die Lebenssituation heute ist defizitärer, bedrohlicher und bedrückender als die mancher Generation zuvor.
  3.  Der archaische Generationenvertrag ist von den Erwachsenen mehrfach verletzt worden: ökologisch, ökonomisch und nicht zuletzt im komplexen gesellschaftlichen Wertesystem.
  4.  Auf die existenzielle Bedrohung ihrer positiven Perspektiven reagieren Jugendliche aggressiv gegen sich und andere. Diese »Notwehrreaktion« ist oft zugleich illegal und in einem anderen Verständnis legitim, auf jeden Fall ein Warnsignal für die Elterngeneration.
  5.  Wenn Jugendliche ihre Zukunft durch Verantwortungsflucht der älteren Generation beschädigt sehen, dann ist auch die Gegenwart der Verantwortungsträger beschädigt und defizitär.
  6.  Beide Unterzeichnerseiten des Generationenvertrages hätten somit ein hohes Motiv, den gesellschaftlichen Konflikt gemeinsam zu lösen.
  7.  Auf jugendliche Aggression müssen die Älteren antworten mit einer kritischen Reflexion ihrer eigenen Vergangenheit und der daraus folgenden, so folgenschweren Konstruktion ihrer Gegenwart.
  8.  Ein letzter Satz: Ein Bumerang kann nun mal nicht anders, als zurückzukehren. Die Kunst besteht darin, ihn zu fangen, ohne von ihm erschlagen zu werden.

 Dr. Klaus Neumann
 BDP-Präsidiumsbeauftragter für Kindeswohl und Kinderrechte

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