Im Spannungsfeld psychoonkologischer Arbeit

Ein Plädoyer aus der Praxis für eine herausfordernde Aufgabe

„Alle anderen durften schon gehen, aber mit mir, meinte die Schwester, wolle die Ärztin noch einmal sprechen. Da hatte ich schon so ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend. Die Ärztin meinte dann: ›Wir haben etwas entdeckt, das möglicherweise ein bösartiges Geschwür ist. Ich werde Sie in die Klinik einweisen, für weitere Untersuchungen.‹ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich hätte nie gedacht, dass ich Krebs habe.“

„Chemotherapie und Bestrahlung habe ich eigentlich gut überstanden, aber seitdem ist es schlimm. Ich fühle mich so hilflos und habe das Gefühl nichts tun zu können. Damals waren die Termine bei den Ärzten eine Stütze für mich. Jetzt habe ich nur noch einen Termin zur Kontrolle im Jahr. Das ist doch eine Ewigkeit, kann da nicht was passieren?“

Eine Krebserkrankung kündigt sich meistens nicht vorher an. Die Diagnose „Tumor“ trifft die Patienten überraschend und unvorbereitet. Aber auch nach einer erfolgreichen Behandlung, mit der medizinischen Diagnose „geheilt“ entlassen, können viele Patienten nicht wieder so einfach ihr altes Leben aufnehmen.
Auffangen nach dem ersten Schock der Krebsdiagnose, Vorbereiten auf ein Leben mit dem Bewusstsein, dass der Krebs wieder kommen könnte, unterstützen bei der Rückkehr ins Leben, bis hin zur Sterbegleitung – zwischen diesen Polen erstreckt sich das Spannungsfeld der psychoonkologischen Arbeit.

Die Betreuung von Krebspatienten schließt auch deren Angehörige mit ein. Nicht nur, weil diese in der Regel eine wichtige Ressource und Stütze für die Patienten darstellen. Auch sie sind teilweise mit der neuen Situation überfordert, wissen nicht, wie sie mit der Krankheit des Partners umgehen sollen und fühlen sich hilflos, z.B. der Ehemann, der sich auf einmal um den Haushalt und seine Frau kümmern muss, die nach der Chemotherapie geschwächt ist und im Bett liegt.
Psychoonkologen, die in einer Klinik arbeiten, stehen darüber hinaus auch als Ansprechpartner für die Ärzte und andere Mitglieder des onkologischen Teams zur Verfügung und helfen z.B. bei der psychischen Verarbeitung von bedrückenden Erlebnissen. Wie das einer jungen Ärztin, die mit einem Patienten über seine Krebsdiagnose sprechen wollte. Schlechte Nachrichten erwartend begrüßte der Patient sie als „Todesengel“.

Seit mehr als 25 Jahren etablieren sich psychoonkologische Behandlungsansätze und sind inzwischen zum festen Bestandteil der modernen Tumortherapie zu rechnen. Beispielsweise werden  Brustzentren, Darmzentren und andere Organzentren nur dann zertifiziert, wenn sie auch psychoonkologische Beratung und Betreuung vorhalten.

Psychoonkologie ist dem Wesen nach interdisziplinär und interprofessionell. Schwerpunkte psychoonkologischer Interventionen sind die Akutbehandlung, die Rehabilitation, die Nachsorge und – seltener – die Prävention. Patienten profitieren in jeder Phase ihrer Erkrankung von Interventionen (Selbstreflektion, Stabilisierungsübungen, Ressourcen-aktivierung, traumatherapeutische Interventionen, u.a.). Kennzeichnend ist die Methodenvielfalt, mit der gearbeitet wird und das personen-zentrierte Vorgehen, d.h. der Mensch steht im Mittelpunkt des Interesses, nicht primär seine Krankheit. Zur Anwendung kommen bewährte Methoden der Intervention, die auf das Thema Krebserkrankung abgestimmt werden.

Als gesichert gilt, dass professionelle psychoonkologische Interventionen positive Effekte auf Lebensqualität und Befindlichkeit haben [1, 2]. Dies wurde bis dato in ca. 400 internationalen Studien nachgewiesen.

Das Spektrum psychosozialer Belastungen von Krebspatienten ist breit gefächert und geht fließend von normaler Belastung (Ängste, Sorgen, Traurigkeit) über in schwere Belastung (Depressionen, Angststörungen, Stress, familiäre oder spirituelle Krisen) [3].

Empirische Daten belegen, dass bei 20 bis 35% aller Tumorpatienten im Verlauf der Erkrankung zusätzlich psychische Belastungen von Krankheitswert nach ICD 10 auftreten, z.B. Anpassungsstörungen, funktionelle Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen. 

Prävalenz psychischer Störungen bei schwer und terminalkranken Krebspatienten anhand klinischer Interviews (N=215) [4]

Es besteht trotz aller Fortschritte in der Onkologie eine Diskrepanz zwischen dem Bedarf und der psychoonkologischen Versorgungsrealität. Die Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Onkologie e.V. (dapo) setzen sich seit vielen Jahren für die weitere Etablierung und Förderung der psychosozialen Versorgung ein. [5] Seit 1994 gibt es eine berufsübergreifende und berufsspezifische Weiterbildung „Psychosoziale Onkologie“ mit einem Zertifikat der Deutschen Krebsgesellschaft  (DKG). Inzwischen wurde von beiden Fachverbänden PSO und dapo im Auftrag der DKG ein Kriterienkatalog entworfen, um einheitliche Standards in der psychoonkologischen Weiterbildung zu etablieren. Weitere wichtige Aufgaben sind die Mitarbeit an den Leitlinien des OL-Programms (onkologische Leitlinien)[6] und dem Nationalen Krebsplan, der die Qualität der onkologischen Versorgung sichern soll.

Psychoonkologie kann einen wesentlichen Beitrag zur onkologischen Gesamtbehandlung leisten und hat sich durch die positive Entwicklung in den letzten Jahren weitgehend als selbstverständlicher Teil dieser Behandlung etabliert. Leider deckt die Versorgung aber nicht den Bedarf ab, was nicht zuletzt darin begründet liegt, dass psychoonkologische Interventionen noch immer nicht in allen Bereichen im Katalog der erstattungsfähigen Leistungen der Krankenkassen verankert sind, z.B. ambulante Versorgung.

„Nach der Chemotherapie während der Reha habe ich die Möglichkeit gehabt, über meine Situation nachzudenken und mit Mitpatienten darüber zu sprechen. Durch die Gespräche mit der Psychoonkologin habe ich verstanden, dass meine Ängste ganz normal sind und habe gelernt, über mich und meine Wünsche zu sprechen, auch mit meiner Familie. Dadurch sind wir in unserer Familie näher zusammengewachsen. Meine Familie, insbesondere mein Enkelkind, gibt mir viel Kraft und den Mut weiterzuleben.“

Grafik (PDF)

Literatur

  1. Spiegel D. Effects of psychotherapy on cancer survival. Nature Reviews Cancer, Vol. 2, May 2002, 1 – 7
  2. Newell SA, Sanson-Fisher RW, Savolainen NJ. Systematic review of psychological therapies for cancer patients: overview and recommendations for future research. Journal of the National Cancer Institute, Vol. 94, 8, April 17 2002, 558 - 584
  3. Herschbach P, Weis J: Screeningverfahren in der Psychoonkologie. 2008, www.krebsgesellschaft.de/download/pso_broschuere.pdf
  4. Derogatis LR, et  al., 1983, Holland J, 2005 ©IPOS online Core Curriculum
  5. Weis J, Schumacher A, et. al. Psychoonkologie. Der Onkologe, 13, 2007, 185-194
  6. www.leitlinienprogramm-onkologie.de/OL/projektuebersicht.html

Autorinnen
Ruth Hirth, Dipl.-Psych. Psych. Psychotherapeutin Psychoonkologin (DKG) DRK-Kliniken Berlin-Köpenick
Annkatrin Rogge, Dipl.-Psych. Psych. Psychotherapeutin Psychoonkologin (DKG) Reha-Klinik Schloss Schönhagen

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