Gründe des Unmuts

Interview mit zwei Berliner Psychotherapeutinnen in Ausbildung (PiA)


Das folgende Interview mit zwei Berliner Kolleginnen, die sich beide in der Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin befinden, wurde nach dem zweiten Protesttag der Berliner PiA Ende September 2011 geführt und vor den für Dezember 2011 geplanten weiteren Aktionen der PiA an Berliner Kliniken. Das Interview soll vor allem die Motive für den anwachsenden Protest des psychotherapeutischen Nachwuchses verdeutlichen. Die beiden Kolleginnen haben sich für das Interview andere Namen gegeben, da sie ansonsten Nachteile in der Ausbildung befürchten.
Katrin hat in Freiburg Psychologie studiert und absolviert gegenwärtig eine verhaltenstherapeutische Ausbildung an einem Institut in Berlin.
Antje hat Psychologie als Diplom- Studiengang an der FU Berlin studiert und befindet sich in der verklammerten TP/Psychoanalyse-Ausbildung.

Wie sieht Ihre finanzielle Lage während der Ausbildung aus?


Antje: Ich musste bei einer Bank einen Ausbildungskredit aufnehmen, für den ich natürlich Zinsen zahle. Zu Beginn der Ausbildung hatte ich ein wenig angespart aus früherer Berufstätigkeit.

Katrin: In der Klinik bekomme ich 350 Euro monatlich, davon kann ich meine Miete bezahlen. Für die Ausbildungsgebühren gehen meine Ersparnisse drauf. Schulden mache ich auch. Ich habe aber das Glück, dass meine Eltern mir Geld borgen und ich keine Zinsen bezahlen muss.

Wie hoch, Katrin, wird der Schuldenberg nach Ende der Ausbildung schätzungsweise sein, und denken Sie für die Zeit danach an den Erwerb eines Kassensitzes in Berlin?

Antje: Leider kommen bei mir noch BAföG-Schulden aus dem Studium dazu, die momentan gestundet sind. Gemeinsam mit dem neuen Kredit werde ich also ca. 50 000 Euro Schulden haben. Über den Kassensitz möchte ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht genauer nachdenken, weil ich dann nachts nicht mehr schlafen könnte.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Klinik?


Antje: Ich hab meine PiA-Zeit ja schon beendet. Ich habe 30 Stunden pro Woche gearbeitet und dafür im Monat 140 Euro bekommen.

Katrin: Ich muss mindestens 30 Stunden in der Woche arbeiten, wohlgemerkt nur in der Klinik.

Ich habe Sie beide ja beim PiA-Protest kennengelernt. Warum protestieren Sie jetzt?

Antje: Meine Klinikzeit ist vorbei. Ich könnte sagen: Ich hab's geschafft, nach mir die Sintflut. Aber bei mir sind viele Gefühle von Demütigung und Kränkung übrig geblieben. Allein diese 140 Euro Taschengeld ausgezahlt zu bekommen, fand ich unglaublich demütigend, zumal ich zuvor bereits in einer Klinik gearbeitet habe, für ein volles Psychologinnen-Gehalt. Die neue Klinik hat von dieser Berufserfahrung natürlich unglaublich profitiert. Zusätzlich konnte ich noch meine Kenntnisse aus dem sozialpsychiatrischen Bereich einbringen, da ich auch im betreuten Einzelwohnen gearbeitet hatte. Das bedeutete u.a., dass ich viele Infos darüber geben konnte, was mit den Patienten nach der Entlassung passiert. Die Klinik hat somit für 140 Euro sehr gute Arbeit von mir bekommen. Ich möchte, dass sich daran etwas ändert, wenn auch nicht mehr für mich, so doch für die anderen.

Katrin: Nur Ja sagen macht es den Kliniken sehr einfach. Wir müssen vor allem die Öffentlichkeit informieren, dass das Ausbeutung ist, was da passiert. Viele Menschen wissen das nicht oder können sich das gar nicht vorstellen. Erfahren sie die Tatsachen, halten sie das für einen schlechten Witz.

Worin bestehen Ihre Forderungen?

Antje: Es bedarf einer Veränderung der Gesetzeslage dahin gehend, dass Psychotherapeuten in Ausbildung während der praktischen Tätigkeit angemessen bezahlt werden. Da wir über Diplom- oder Master- Abschlüsse verfügen, sollten wir mit der entsprechenden Entgeltgruppe nach TVöD 13 bezahlt werden.

Katrin: Ich wünsche mir, dass man wenigstens während dieser Zeit auch von dem leben kann, was die Klinik einem zahlt. Das ist eigentlich unsere Hauptforderung.

Antje: Genau. Ich habe vor dem Studium eine Berufsausbildung gemacht. Im ersten Lehrjahr ohne jegliche Vorkenntnisse wurde ich aber so bezahlt, dass ich damit mein Leben finanzieren konnte.

Was können die Berufsverbände und Kammern tun, um Sie bei der Durchsetzung Ihrer Forderungen zu unterstützen?

Antje: Unsere Forderungen wahrnehmen und in der Öffentlichkeit unterstützen!

Wie soll es in den kommenden Wochen und Monaten mit den Protestaktionen weitergehen?

Antje: Wir haben ja bisher zwei Protesttage veranstaltet. Insbesondere am zweiten Protesttag wurden immer mehr Stimmen laut, die einen Streik der Berliner PiA für eine gerechte Entlohnung vorschlagen. Allgemein gehen wir davon aus, dass es den Kliniken leider erst richtig »wehtun« muss, bevor sie uns und unsere Forderungen wahrnehmen. Schwierig dabei ist unsere auch rechtlich prekäre Situation, solange wir keine Gewerkschaftsmitglieder sind.

Sehe ich das richtig, dass der ver.di-Mindestbeitrag so um die fünf Euro liegt?

Antje: Das ist im Prinzip richtig. Das Problem besteht darin, dass die meisten PiA eine Ausbildung beginnen und anderes im Kopf haben, als nun auf dem Weg zur Psychotherapeutentätigkeit noch schnell Gewerkschaftsmitglied zu werden. Ärzte oder Pflegekräfte verbleiben in der Klinik – für uns ist dies nur ein Übergangsstadium. Ein Streik würde dann funktionieren, wenn z.B. alle PiA einer Klinik mitmachten.

Die anderen Aktivist(inn)en unterstützen dann den Streik mit Kundgebungen und Öffentlichkeitsarbeit?

Antje:
 Ja, wir postieren uns mit Transparenten, kontaktieren die Medien oder laden zu einer Podiumsdiskussion ein. Vielleicht merken die Kliniken dann etwas deutlicher, was wir leisten und welche Verantwortung wir für die psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung tragen.

Katrin: Wichtig bei einem solchen Vorgehen wäre, dass alle mitmachen und wir uns gut vernetzen.

Antje: Natürlich kann ich auch diejenigen verstehen, die Angst haben, Repressalien befürchten und vor allem ihre Stunden für die praktische Tätigkeit bescheinigt haben wollen. Bei mir herrschte seinerzeit auch das Gefühl vor: »Nur durch hier!«

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei den weiteren Aktionen!

Das Interview für den VPP führte Jean Rossilhol.


Aktuelle Hinweise und Berichte zu den PiA-Protestaktionen sind auf der Seite des VPP im BDP nachzulesen:
www.vpp.org

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