Berufspolitik ist sein Ding: Robin Siegel

Erfolg durch Dialog- und Kompromissfähigkeit

 

Montags oder dienstags ist er meist für eine Honorarstelle an der Uni Witten-Herdecke, am Mittwoch arbeitet er in der Ambulanz in Bielefeld, am Donnerstag in der Praxis seines Vaters in Dortmund, Freitag ist Bürotag, am Samstag Ausbildung in Bad Salzuflen oder Bielefeld – Terminfindung mit Robin Siegel, dem langjährigen Sprecher der PiA-Vertretung im VPP/BDP und seit September 2011 auch Sprecher der Bundeskonferenz PiA, ist nicht leicht. Ich treffe den 29-Jährigen am 2. Dezember, einen Tag nach Verabschiedung des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes, in Bielefeld. Er erwartet mich am Bahnhof, und noch während wir den kurzen Weg zur Institutsambulanz zurücklegen, sind wir mitten in der Diskussion über das Gesetz und seine Folgen. Nicht das Wetter, nicht Weihnachten, kein Small Talk, sondern sofort berufspolitische Themen. Die Entscheidung im Bundestag hat ihn nicht überrascht. Spätestens seit er den Bundesgesundheitsminister beim Deutschen Psychotherapeutentag erlebt hatte, war ihm klar, dass die Kritik der Psychotherapeuten an dem Gesetzentwurf bei Daniel Bahr und vermutlich auch vielen Bundestagsabgeordneten trotz offensiver Öffentlichkeitsarbeit auf taube Ohren stoßen wird. Aber damit sei das Thema natürlich nicht abgehakt. »Ich werde jetzt mit Argusaugen verfolgen, welche Schritte die Politik und die KVen als Nächstes gehen werden. Werden Kassensitze von Psychotherapeuten tatsächlich aufgekauft, und wird es tatsächlich eine neue Bedarfsberechnung geben und auf welcher Grundlage?« Schließlich gehe es dabei auch um die Chancen für PiA, sich irgendwann als Therapeuten niederlassen zu können. Dass unser Treffen in der Ambulanz, also an einem seiner Arbeitsplätze, stattfindet, liegt daran, dass er zu Hause bereits auf gepackten Kisten für einen bevorstehenden Umzug nach Münster sitzt. Aber auch in dieser Umgebung will er ein guter Gastgeber sein, hat vier Sorten Tee zur Auswahl mitgebracht und leckere Kleinigkeiten zum Knabbern. Trotz der enttäuschenden Bundestagsentscheidung sieht Robin Siegel Psychologie und Psychotherapie stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Dass es dazu prominenter Fälle im Fußball bedurfte, sei bedauerlich, ändere aber nichts am Ergebnis. Er spiele selbst schon länger Fußball und sei in jüngster Zeit von anderen Spielern öfter nach seiner Sicht auf Themen wie Burnout oder zunehmende psychische Belastungen in der Arbeitswelt angesprochen worden. Ob diese Stimmung ausreichen werde, die Politik zu sensibilisieren, sei dahingestellt, aber die Voraussetzungen seien immerhin besser denn je.

Hoffnung auf Erkenntnisgewinn durch PiA-Streiks

Als Sprecher der PiA beanspruchen in diesen Tagen die Protestaktionen und Streiks eine Menge von seiner Zeit und Kraft. Er erhofft sich von den Aktionen einen Erkenntnisgewinn bei allen Beteiligten. »Die Ausbildungsinstitute und vor allem die Kliniken müssen begreifen, dass es so nicht weitergeht, dass sie unabhängig von einer Novellierung des Psychotherapeutengesetzes sehr rasch bessere Bedingungen für PiA schaffen müssen. Die Parteien müssen erkennen, wie dringend der Novellierungsbedarf ist, sodass dieses Thema mindestens in den Koalitionsvertrag der nächsten Regierung aufgenommen wird – möglichst schon eher. Und die PiA werden hoffentlich auch in größerer Zahl ihre eigene Situation und die rechtlichen Rahmenbedingungen besser verstehen.« Manche gerieten durch die Streiks gegenwärtig erheblich unter Druck, hätten auch Angst, sich berufliche Chancen zu verderben, wenn sie an ihren Ausbildungsorten unangenehm auffielen. Ganz schnell könne durch einige, die jetzt einknicken, die Bewegung zurückgeworfen werden, sagt er und hat dennoch Verständnis.

Nicht nur über Studenten und PiA reden, sondern mit ihnen


Dieses Verständnis für eine andere Sicht, die Fähigkeit zum offenen Dialog bis zur Kompromissfindung, ist eine seiner großen Stärken. Sie hilft ihm z.B. auch in Diskussionen über die Zugangsvoraussetzungen für eine Psychotherapieausbildung jetzt und in Zukunft. Würde Psychotherapieausbildung z.B. an Unis stattfinden, wäre die Finanzierung durch BAföG möglich – kein unwesentlicher Aspekt, wenn man weiß, dass die hohen Kosten der Ausbildung eine starke unakzeptable soziale Selektion bedeuten. Aber eine Lösung für die bisher unbezahlte praktische Tätigkeit läge darin nicht. Auch bei den Zugangsvoraussetzungen macht er, obwohl Psychologe und stolz auf sein Diplom am Ende einer hochwertigen Ausbildung, gegenüber Pädagogen nicht sofort dicht. Er kennt einige, die in ihrem Studium mehr über die menschliche Entwicklung und Persönlichkeitskonzepte gelernt haben als mancher Psychologe. Und er kennt Psychologen, die überhaupt keine klinisch-diagnostische oder umfängliche klinische Bildung an der Uni genossen haben. »Worum geht es also? Bachelor- und Master-Studiengänge bieten die Chance, weniger auf Titel als auf Inhalte zu achten. Und wenn die stimmen, kann ich mir auch einen anderen Zugangsweg zur PT-Ausbildung vorstellen.« Bei PiAs mit unterschiedlichem Bildungshintergrund herrsche Konsens über die Bedeutung von klinisch-psychologischer Störungslehre, psychotherapeutischen Grundlagen, Diagnostik, ja selbst über die von Methodik und Statistik.
Dass ein Verband wie der BDP seine kollektive Einstellung zu diesem Thema nicht so schnell ändern könne, versteht er, aber trotzdem müsse die Diskussion erlaubt sein und geführt werden – vor allem mit den jungen Leuten und nicht über sie; sonst werde der BDP sich isolieren.

Der Kick beim berufspolitischen Engagement

Zum Verband ist er durch einen Rechtspsychologenkongress gekommen. Als Mitglied war die Teilnahme billiger. Er gehörte damals zur BV Psychologiestudierender und stand irgendwann vor der Frage, ob er den nächsten Studierendenkongress nicht mitorganisieren wolle. Und da hat es ihn erwischt. Es hat gefunkt. Diese Aufgabe war offenbar genau die Herausforderung, die er für sich gebraucht hat, auch um herauszufinden, dass Organisation, die Beschaffung von Referenten, das Diskutieren über Themen und Inhalte ihm sehr gefallen.
Von da war der Schritt zur Berufspolitik nicht mehr so weit. Und so wurde aus dem eher zurückhaltenden Gymnasiasten, dem nach einem USA-Aufenthalt schon etwas mutigeren Abiturienten schließlich ein ernst zu nehmender Diplom-Psychologe mit umfassenden berufspolitischen Kenntnissen. »Inzwischen hilft mir das sogar beruflich«, sagt er und fügt etwas leiser mit einem zwinkerndem Auge hinzu, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auch sein narzisstisches Grundbedürfnis befriedige.
Robin Siegel ist von Kindheit an psychologisch sozialisiert und froh darüber. Der Vater ist Verhaltenstherapeut mit eigener Praxis, die Mutter arbeitet nach einem pädagogischen Studium und einer psychoanalytischem Weiterbildung im Suchtbereich. Den Zivildienst hat er in einer Psychiatrie absolviert, und abgesehen von zeitweiligen Überlegungen, ob er nicht doch eine Laufbahn bei der Polizei oder als Mathelehrer einschlagen sollte, war die meiste Zeit klar, er werde irgendwann Psychotherapeut und in Vaters Praxis einsteigen. Heute ist das nicht mehr in Stein gemeißelt. Er ist eben nicht nur im engeren Sinne viel unterwegs, sondern auch zwischen Optionen für die eigene Zukunft, tanzt auf vielen Hochzeiten; die eigene liegt erst wenige Wochen zurück.
Damit er und seine Frau trotz der vielen ehrenamtlichen und sonstigen Arbeit möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen und dabei etwas tun, was beiden gefällt, haben sie begonnen, Salsa zu tanzen. Freude an der Musik und der gemeinsamen Bewegung, Entspannung im Rhythmus, mindestens das braucht der junge, 1,87 m große, schlaksig wirkende Mann für seine Work-Life-Balance.

Erwartungen nicht nur an Kliniken

Fragt man ihn nach seiner Sicht auf die Zukunft, spricht er über gesellschaftliche Entwicklungsprozesse, über Leistungsdruck und den Trend zu immer größerer Effektivität, kürzeren Behandlungszeiten, kürzeren Krankenhausaufenthalten, kürzeren Fehlzeiten und dem daraus erwachsenden Hang zu einfachen Lösungen, die es für psychische Erkrankungen nicht wirklich gebe, jedenfalls nur scheinbar durch medikamentöse Behandlung. Er spricht über die Verantwortung jedes einzelnen angehenden Studenten und späteren Absolventen, sich kundig zu machen, sich nicht darauf zu verlassen, dass jeder akkreditierte Studiengang gut ist und jedes Ausbildungsinstitut gleichermaßen geeignet. »Ich erlebe häufig sehr viel Ratlosigkeit und Unwissen.« Er wünscht sich, dass PiA die richtigen Fragen stellen und dann auf Basis umfassender Information entscheiden und nicht, weil die Bekannte einer Bekannten es irgendwo an einem Ausbildungsinstitut gut fand. »Die angehenden PiA müssen viel kritischer Kriterien für gute Ausbildungsinstitute prüfen. Aber natürlich tragen auch die Institute selbst Verantwortung. Was hindert sie z.B. daran, die berufspolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der psychotherapeutischen Versorgung zu Beginn der Ausbildung zum Thema zu machen?«
Jedes Jahr erlangen etwa 1600 PiA ihre Approbation. Werden die in zehn Jahren noch alle Arbeit finden? Wann muss man beginnen, neue Tätigkeitsfelder zu definieren? Auch darüber macht er sich Gedanken. Doch im Moment muss er sich auf die Streiks konzentrieren. Bei den Streikenden in Berlin werden wir uns wiedersehen. Und wer weiß, wo noch irgendwann in der Zukunft, um die mir bei Robin Siegel nicht bange ist.

Christa Schaffmann

    

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