100 Prozent Sicherheit gibt es nicht

100 Prozent Sicherheit gibt es nicht

report psychologie im Gespräch mit dem neuen Vorsitzenden der SK Rechtspsychologie, Prof. Denis Köhler


Die aktuelle Diskussion um die Sicherungsverwahrung hat die Redaktion veranlasst, diese in den Mittelpunkt der Rubrik »Fokus« zu stellen. Daher auch an Sie zunächst einige Fragen rund um dieses Thema: Ergeben sich aus der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom Mai 2011 Konsequenzen für Psychologen und Psychologische Psychotherapeuten?


Ich erwarte zunächst keine großen Änderungen. Allerdings ist es eine durchaus spannende Frage, wie die Vorgaben des BVerfG umgesetzt werden. Aus Erfahrung befürchte ich, dass darüber eher zwischen Juristen und Psychiatern verhandelt werden wird – unter Ausschluss von Psychologen.


In welchen Punkten könnte die Entscheidung Mitglieder des BDP betreffen?


Es gibt Psychologen und Psychotherapeuten in den Gefängnissen, aber ob und inwieweit die Länder genug Geld haben werden, die notwendigen Behandlungsmaßnahmen, Sozialtherapien und Psychotherapien auch in räumlich getrennten Einheiten für Sicherungsverwahrte zu finanzieren, bleibt abzuwarten, auch wenn das gerade bei der SV im Sinne des Gerichtsurteils wäre.
Wir beobachten seit den 1990er-Jahren eine sich verändernde Stimmung in der Bevölkerung gegenüber Gewalt- und insbesondere gegenüber Sexualstraftätern. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder erkannte diese Stimmung und plädierte populistisch für ein »Wegsperren für immer«. 

 

Warum glauben Leute, dass man Risiken auf diese Weise beseitigen kann?

Diese Einstellung zeugt von dem Bedürfnis nach einfachen Lösungen: »Ich sperre jemand weg, dann kann er nicht erneut jemanden vergewaltigen, missbrauchen, körperlich schädigen oder töten.« Es wird ausgeblendet, wie komplex die Gesellschaft und die Entstehung von kriminellen Verhalten sind und dass das Wegsperren einiger bereits straffällig gewordener Täter nicht ausreicht, um die Gesellschaft gewaltfrei zu machen. Politik bedient dieses Bedürfnis, auch heutzutage. Im Kontext einer globalisierten Welt, neuer Ängste und Risiken wird auch an anderen Stellen versucht, durch »einfache« Lösungen, z.B. Verbote, Risiken zu beseitigen. Das geschieht mit dem Rauchen, das geschieht zur vermeintlichen Sicherung vor Terrorismus. Freiheitseinschränkung wird – das scheint mir ein Trend zu sein – gegenwärtig von vielen akzeptiert als Preis für mehr oder vermeintlich mehr Sicherheit.
Ich beobachte wenig reaktante Reaktionen darauf. Es gibt auch wenig systematisches und tiefes Engagement für Frühprävention, weil die ja Geld kostet. Auch systematische Ursachenforschung liegt offenbar nicht im Trend der Zeit. Wer dafür eintritt, setzt sich leicht dem Verdacht aus, Täter womöglich entschuldigen zu wollen unter Hinweis auf selbst erlittene Gewalt in der Kindheit o.Ä. Prävention erfolgt dort, wo sie überhaupt stattfindet, häufig aktionistisch mit Blick auf anstehende Landtags- oder Bundestagswahlen. Programme werden oft nur im Rahmen von Projekten initiiert. Sie werden zu wenig evaluiert, oder die Träger bzw. die Anbieter evaluieren sich selbst, natürlich meist positiv. Nachhaltige Veränderungen sind mit einfachen Lösungen wie Wegsperren nicht zu haben, und billig sowie effektiv ist das langfristig übrigens auch nicht.


Geraten Psychologen und Psychotherapeuten in dieser Situation unter Druck?

Psychologen haben sehr gute Standards für die Erstellung von Gutachten. Und der BDP positioniert sich in dieser Frage auch klar. Mein Eindruck ist, dass Kollegen heutzutage öfter begründen müssen, warum jemand nicht gefährlich ist bzw. warum er trotz diverser ungünstiger Faktoren dennoch möglicherweise eine positive Lebensentwicklung nehmen kann. Auf die Chance dafür hat er nach Verbüßung seiner Strafe einen Anspruch, wenn wir das Grundgesetz ernst nehmen. In den 1970er-Jahren war das Vertrauen in das Gute im Menschen und in die Erzieh- und Behandelbarkeit von Menschen noch stärker. Gleichzeitig muss sich unsere Berufsgruppe gegen die Erwartung wehren, dass jemand aus der Haft als neuer Mensch herauskommt, weil er dort Kontakt zu Psychologen oder Psychologischen Psychotherapeuten hatte. Gefängnisse sind keine Heilanstalten oder Wellness-Einrichtungen.
Ein Manko sehe ich darin, dass eine ganze Reihe von Gutachtern – und damit meine ich nicht in erster Linie die Psychologen – stark an Checklisten orientiert ist, sodass sie damit alle Risikofaktoren wunderbar erfassen, kaum aber Ressourcen und protektive Faktoren. Die Konzentration auf die Risiken oder Pathologisierung steht gegenwärtig oftmals im Vordergrund. Und wenn ich eine Risikopopulation betrachte, und das sind Straftäter oder Intensivtäter nun mal, dann weisen die natürlich Risikomerkmale auf. Aufgabe von Psychologen kann es nicht sein, so viele Risikoaspekte wie möglich zu erfassen, sondern eine Differenzierung zu ermöglichen zwischen denen, die zwar risikobehaftet sind, daneben aber auch eine ganze Reihe positiver Aspekte aufweisen, und auf der anderen Seite denen ohne solche Ressourcen. Das fällt Kolleginnen und Kollegen unter dem gewachsenen gesellschaftlichen Druck zunehmend schwer. In Medienberichten über rückfällig gewordene Straftäter, denen ein Gutachter eine gute Prognose bescheinigt hat, schwingt Aggressivität gegen Täter und Gutachter mit.


In dubio pro reo gilt also hier nicht?

Vielleicht entspricht das nicht mehr dem laienpsychologischen und medial beeinflussten Zeitgeist. Dafür sprechen auch die gewachsenen Zahlen von Sicherungsverwahrten. Die lassen sich ja kaum damit erklären, dass Täter in den vergangenen Jahren mehrheitlich viel gefährlicher geworden sind, sondern eher damit, dass sie als gefährlicher beurteilt wurden.


Gibt es dafür eine methodische Erklärung jenseits des gesellschaftlichen Klimas?

Überzufällig häufig können durch den nicht fachgerechten Gebrauch (zumeist von Nichtpsychologen) der Checklisten Rückfälle prognostiziert werden.


Tragen solche Instrumente nicht auch zur Objektivierung der Beurteilung bei?


Checklisten sind wichtig, aber sie liefern keine hundertprozentig sicheren Zukunftsprognosen. Sie sind ein Instrument in der Hand des psychologischen Fachmanns, aber sie sollten nicht das einzige sein, nicht mit der Erwartung von Unfehlbarkeit überfrachtet werden. Sie verdienen kein blindes Vertrauen. Studien zeigen, dass auch Täter mit einem hohen Risikowert, der jemanden z.B. als Psychopath ausweist, zu einem signifikantem Prozentsatz nicht wieder straffällig werden. Diese Dunkelziffer muss man auch in deutschen Gefängnissen vermuten: Menschen, die inhaftiert bleiben, weil wir sie für gefährlich halten. Der Trend geht dahin, bei der Beurteilung die Risikofaktoren zu betonen, wodurch mehr Menschen möglicherweise nicht in die Freiheit entlassen werden, obwohl sie ihre Strafe verbüßt haben. Psychologisch ist dies natürlich durch den potenziell entstehenden gesellschaftlichen Schaden nachvollziehbar. Es ist ein sehr heikler sowie sensibler Bereich, der deutlich macht, in welchem Spannungsfeld Rechtspsychologen arbeiten müssen und wie wichtig eine entsprechende rechtspsychologische Qualifikation ist.


Heißt das, die Gesellschaft fordert ein, dass Rückfälligkeit nicht stattfindet, weil in eine Therapie investiert wurde, die erfolgreich zu sein hat, oder weil Täter in der Haft gefälligst zu besseren Menschen werden müssen oder weil ein Gutachter ja eine positive Prognose abgegeben hat? Das ist doch illusionär.


Rückfälle wird es immer wieder geben. Dass die Gesellschaft sie beim Alkoholiker eher toleriert als beim Sexualstraftäter ist nachvollziehbar, ist der Schaden durch Letzteren doch erheblich größer. Es ist aber nicht nur illusionär zu glauben, dass Rückfälle völlig auszuschließen sind, es ist auch illusionär zu erwarten, dass keine Täter nachwachsen.
Für Sexualstraftäter gilt das Null-Toleranz-Prinzip, aber natürlich wird durch subjektive Wahrnehmung die Realität auch verzerrt. Die Kriminalitätsstatistik belegt, dass die Zahl der Gewalttaten – anders, als viele Menschen glauben – nicht zugenommen hat. Jede Gesellschaft muss mit Angst umgehen; wie das geschieht, wird durch das politische System entschieden und erheblich mitbeeinflusst. Politik hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Und im Moment reagiert die Politik auf Angst eben vor allem durch Beschränkung von Freiheiten und versucht so, eine Illusion von Sicherheit zu erzeugen.


Während eines Symposiums zum Thema »Sicherungsverwahrung« an der Uni Witten/Herdecke beklagte eine in Frankreich arbeitende Psychologin u.a. die Auswahl von Gutachtern durch Richter, die sich leider nicht an der Qualifikation von Gutachtern orientiere, sondern häufig davon abhinge, wie lange ein Richter einen Gutachter kennt, wer in seinen Augen ein guter Rhetoriker ist u.a.m. Ist das in Deutschland ähnlich?

Wir haben durch die Zertifizierung von Fachpsychologen für Rechtspsychologie und durch die Verfügbarkeit entsprechender Listen gute Voraussetzungen für die Auswahl qualifizierter Gutachter durch Richter geschaffen. Wie häufig Qualitätskriterien tatsächlich entscheidend für die Auswahl sind, kann ich nicht an Statistiken festmachen. Bisweilen entsteht der subjektive Eindruck, dass auch in Deutschland die Gutachterauswahl noch nicht optimal ist.
Das könnte auch manchmal schlicht finanzielle Gründe haben. Ein Gutachten von einem spezialisierten Rechtspsychologen kann erheblich teurer sein als das eines Gutachters mit einem anderen akademischen Hintergrund. Zudem werden Gutachter zum Teil auch nicht anders ausgewählt als Handwerker: Wenn ich mit jemandem gute Erfahrungen gemacht habe, erteile ich ihm bei Bedarf erneut einen Auftrag. Zudem muss er natürlich schnell und kostengünstig sein. Neben der rein fachlichen Qualifikation spielen also für den Auftraggeber sicherlich noch eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle. Damit will ich aber nicht sagen, dass wir definitiv mehr Sicherheit für die Öffentlichkeit durch andere Gutachter herstellen könnten. 100 Prozent Sicherheit schaffe ich nicht durch die »besten rechtspsychologischen« Gutachter.


Einwand: Wenn ich Malerarbeiten zu erledigen habe, engagiere ich einen Malermeister und nicht einen Holzfäller. Es kann doch nicht egal sein, welcher Profession ein Gutachter angehört.

Es bleibt eine Aufgabe auch des BDP, weiter Aufklärungsarbeit unter Richtern und anderen Auftraggebern zu leisten, worin die spezielle Qualifikation von spezialisierten Psychologen bei der Gutachtenerstellung besteht.
Solange das Wissen darüber nicht ausreichend vorhanden ist, wird auch auf andere Berufsgruppen zurückgegriffen, wenn auch nicht gerade auf Holzfäller.
Vielleicht müssen wir uns als Rechtspsychologen da auch noch etwas offensiver in der Öffentlichkeit präsentieren als in der Vergangenheit.


Straftäter haben das Recht, Therapie abzulehnen. Das kann die Entscheidung für eine Sicherungsverwahrung beeinflussen. Wissen Täter das, und wird versucht, die Vorbehalte gegenüber Therapie auszuräumen?


Eine gewisse Reaktanz halte ich unter den Bedingungen einer Freiheitseinschränkung für nachvollziehbar. Selbst Normalbürgern in Freiheit widerstrebt es bisweilen, die Hilfe eines Psychologen oder Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Auch das Setting in Haftanstalten, selbst in Jugendhaftanstalten, deren Schwerpunkt auf Erziehung liegen sollte, ist nicht ausgesprochen therapiefreundlich. Der Sicherungsgedanke steht im Vordergrund, und danach wird auch das Personal ausgewählt, das nicht unbedingt per se therapiefreundlich eingestellt ist. Von Vollzugspsychologen und Sozialarbeitern wird daher versucht, motivierend zu wirken, mit der Ablehnung zu arbeiten, in Gespräche zu gehen, dem Betroffenen die Vorteile deutlich zu machen, die eine Behandlung bringen kann. Sie nutzen diese Gespräche auch zur Information. Oft herrscht bei den Betroffenen Unklarheit über die Unterschiede zwischen Behandlung und Therapie, sie wollen oft auf keinen Fall als unzurechnungsfähig oder »psychos« in der Haft gelten, weshalb hochschwellige Angebote einer Psychotherapie nicht am Anfang stehen sollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Menschen sind, die oft eine schwierige Vorgeschichte und Beziehungsprobleme haben. Eine Behandlung setzt aber die Bereitschaft voraus, in eine Beziehung zu gehen. Wir müssen Betroffene also dort abholen, wo sie stehen, und können sie dann oftmals an einen Punkt führen, von dem aus eine Behandlung möglich ist.


Ein anderer Punkt, der als Risikofaktor zu sehen ist und insofern Relevanz für Sicherungsverwahrung haben kann, ist die Nicht-Therapierbarkeit von Tätern. Wer entscheidet darüber und wann?

Dafür existiert keine festgelegte Instanz. Im Strafvollzug gibt es die Vollzugsplankonferenz, in der verschiedene Berufsgruppen, darunter auch Psychologen und Psychologische Psychotherapeuten, zu Wort kommen, wenn über Häftlinge gesprochen wird. Wie ist das Vollzugsverhalten eines Häftlings? Wie arbeitet er im normalen Kontakt mit und wie bei therapeutischen Angeboten? Welche Veränderungsbereitschaft hat er, und welche Veränderungen sind bei ihm eingetreten? Gehen alle Behandlungsversuche daneben? Aus den Antworten auf all diese Fragen entsteht ein Gesamtbild.


Das heißt, die Entscheidung »therapierbar oder nicht« fällt nicht in der Anfangsphase einer Haft?

So sollte es sein, denn das Urteil »nicht therapierbar« muss differenziert begründet werden. Alles andere hieße, den Häftling von vornherein mit einem Label zu versehen. Es genügt nicht zu sagen, jemand habe eine dissoziale Persönlichkeitsstörung und sei deshalb nicht behandelbar.


Das Gespräch führte Christa Schaffmann.

    

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