Alle Hochbegabten auffällig? Alle Auffälligen hochbegabt?

Wie Klischees und häufige Irrtümer Eltern und Kinder in die Sackgasse führen können

Alle Hochbegabten auffällig? Alle Auffälligen hochbegabt?

Der Fall

Frau Schneider ist sprachlos. Kevin (Name geändert), elf Jahre, soll gar nicht hochbegabt sein. Ganz normaler Durchschnitt, IQ 105, ausgeglichenes Begabungsprofil, alles in Ordnung, sagt der Psychologe. Für Frau Schneider ist nichts in Ordnung. Sie war sich doch sicher: Nur das kann die Lösung sein, und mit der Bestätigung vom Psychologen zeige ich es den Lehrern! Leider ist Frau Schneider kein Einzelfall. Sie ist den gängigen Klischees über Hochbegabte aufgesessen. Gern wollte sie glauben, dass Kevins auffälliges Verhalten allein an einer Hochbegabung liegt, dass seine Noten ganz und gar nicht seinem Leistungsvermögen entsprechen und dass er jetzt endlich eine spezielle Förderung bekommen muss. Darin hatten sie auch Bekannten und Verwandten bestärkt: So etwas komme doch häufig vor. Kevin war zunächst auffällig geworden, weil er sich oft und gerne mit anderen stritt. Streitereien eskalierten auch bisweilen, und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. In der Schule, das tat er immer wieder kund, war es einfach »langweilig«. Und zu Hause hatte Frau Schneider Verständnis, dass er bei all dem Ärger nicht auch noch die langweiligen Hausaufgaben machen wollte. Die auffällig schlechten Noten konnten nur vom Unwillen des Lehrers herrühren – Kevin war doch so klug und wusste über so viele Dinge Bescheid. Sogar mit dem Computer kannte er sich doch schon in der zweiten Klasse aus, viel besser als sie selbst. Der Fachmann würde sagen: Frau Schneider glaubt, dass ein Fall von Underachievement (auch »Minderleistung« genannt) vorliegt und dass die Schule dafür die Schuld trägt.

Der Hintergrund: Underachievement gibt es tatsächlich

Leider ist die Sache aber nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Nicht jeder Schwache oder Normalleister ist Underachiever. Die meisten leisten entsprechend ihrem Leistungsvermögen. Das belegen Studien, seit zu diesem Thema geforscht wird.
Schauen wir aber zunächst einmal auf diejenigen, auf die zutrifft, was bisweilen vorschnell auch für andere vermutet wird – die sogenannten Underachiever, die Leistungen deutlich unter ihrem Leistungsvermögen zeigen. In der Schule werden sie vom Lehrer objektiv richtig benotet, also nach der gezeigten Leistung und nicht nach dem eventuell im Verborgenen schlummernden Vermögen. Im Gegenteil: Viele Lehrer haben ein gewisses Gespür für das Leistungspotenzial eines Schülers. Liegt das hoch, dann werten Lehrer den vermeintlich faulen Schüler bisweilen noch eine halbe Note ab.
Für diese Schüler ist es immens wichtig, eine ihrer Begabung entsprechende Schule oder Umgebung zu finden, damit sich die Begabung auch entfalten kann. Die Gründe für Underachievement sind vielfältig und sollten unbedingt individuell diagnostiziert werden. Genauso wichtig ist es aber, dass auch diejenigen, deren Begabungsniveau wir als »ganz normal« oder »nicht überdurchschnittlich« diagnostizieren, die zu ihnen passende Schule und Umgebung geboten bekommen. Und das kann auch schon einmal die Realschule sein. Denn echte Überforderung führt zu Frustration, Aggression und auffälligem Verhalten.

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Ja, das kann im Einzelfall so sein. Seriöse Studien wie die Marburger Hochbegabtenstudie stellen jedoch klar: Der minderleistende Hochbegabte ist die Ausnahme, nicht die Regel. IQ und Leistungsmerkmale sind klar positiv korreliert. Das bedeutet: Intelligentere Schüler sind besser in der Schule, haben mehr Erfolg im Beruf und sind tendenziell auch sozial kompetenter.

Diagnose akzeptieren und die richtigen Schlüsse ziehen

Das Ergebnis von Kevins Untersuchung schließt zwar eine Hochbegabung aus, ebenso aber auch eine Minderbegabung. Die Einstufung in Klassenstufe und Schulform stimmt. Jetzt gilt es, Umgebungsfaktoren näher zu betrachten – familiäre Situation, soziale Strukturen, Stressoren – und ggf. auch Wahrnehmungsdefizite auszuschließen. Eine Erziehungsberatung kann vermutlich rasch Handlungsempfehlungen für den Umgang mit der Situation ergeben. Die Eltern können in vielen Fällen lernen, entspannter mit der Situation umzugehen und durch ihr Verhalten zu einer Einstellungsund Verhaltensänderung bei ihrem Kind beizutragen. Der Schlüssel liegt dabei zumeist in der Übernahme eigener Verantwortung: Wird zunächst noch der Lehrer verantwortlich gemacht, so rückt stattdessen die eigene Steuerungsmöglichkeit ins Blickfeld.

Thomas Römer

Foto © D. Sharon Pruitt / flickr. com unter CC BY 2.0

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