Mobil in jeder Hinsicht

Ursula Reichwald im Porträt

Mobil in jeder Hinsicht

Der DHL-gelbe Kleinbus, mit dem sie mich von Bahnhof in Tübingen abholt, steht kurz vor einer Verwandlung. Seine Besitzerin wird ihn ausbauen zu einem Quartier zum Arbeiten und Schlafen, wie sie es mit
einem ähnlichen Fahrzeug schon einmal gemacht hat.
»Das schafft ein Stück Freiheit. Ich bin mobil, kann verreisen, trotzdem arbeiten und überliste so ein wenig die Zeit.« Das klingt nicht nach Familie. Und tatsächlich haben ihr Ehemann und sie sich vor Jahren getrennt, als die
beiden Söhne erwachsen waren. Sie wirkt ausgeglichen und ausgesprochen unternehmungslustig. Die gelben Overknees, passend zum gleichfarbigen Pullover, unterstreichen das. Ursula Reichwald ist ein gutes Beispiel dafür, dass Arbeit nicht mit 65 enden muss, dass selbstbestimmtes
Arbeiten sogar zu einem Kreativitätsschub führen und sehr viel Spaß machen kann. Die gebürtige Rheinländerin hat es durch das Psychologie- und Soziologiestudium vor Jahren nach Tübingen verschlagen,
nachdem sie »vor gefühlten 100 Jahren« mal eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert hat. Bierbaumer war einer ihrer Lehrer, von dem sie noch heute mit Hochachtung spricht. Nach dem Studium ist sie an der Uni geblieben und hat in der Abteilung Klinische Psychologie
gearbeitet. 

Arbeitstage »open end«

Sie wusste immer, dass sie auch nach dem Ausscheiden aus dem Angestellten-Dasein nicht aufhören würde, Gutachten zu schreiben, vor allem im strafrechtlichen Bereich und bei Berufsunfähigkeit, sowie den einen oder anderen Patienten zu behandeln, und sich sehr gern
auch Fällen widmen würde, deren sich andere nur ungern annehmen. Gleichzeitig möchte sie nur von der Arbeit mit Patienten nicht leben. Sie fürchtet, dass Patienten dann irgendwann »durchliefen« und eine gründliche Diagnostik auf der Strecke bliebe. Ursula Reichwald liebt
Herausforderungen, wie sie z.B. komplexe Fälle posttraumatischer Belastungsstörung darstellen oder Ängste bei Männern nach einer Hodenresektion. Was sie macht, macht sie gründlich, und sie erregt sich auch schon mal über schlampig erstellte Gutachten, wenn sie ihr begegnen,
oder über ganz offensichtlich lustlos arbeitende Kolleginnen und Kollegen ohne echtes Interesse an Menschen und ohne Feuer für dieses fantastisch vielseitige Fach – die Psychologie. In einem Flyer für einen Workshop, den sie vor einiger Zeit angeboten hat, hieß es denn auch schon mal: »Beginn: 9 Uhr – open end«.

In der Zusammenarbeit mit Künstlern entstehen Klienten und ihr Umfeld

Mit dieser Arbeitseinstellung passt sie gut zu den Besessenen, denen sie seit 2002 besondere Aufmerksamkeit widmet: Schauspielern, Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten. Angefangen hat diese Beziehung, als sie sich irgendwann über eine TV-Serie bei RTL sehr geärgert
hatte und danach so lange herumtelefonierte, bissie nach Köln zu einem Gespräch eingeladen wurde. Ganz offenbar war es ihr gelungen, einen Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass sie nicht einfach eine
meckernde Zuschauerin war, sondern eine durchaus filmbegeisterte Person, die fachlich begründet sehr konkret Kritik äußerte und viele kluge Ideen zu haben schien. »Vieles war schlicht grottenfalsch und klischiert!«,
empört sie sich noch heute in der ihr eigenen leidenschaftlichen Art.

Nicht als Feigenblatt für die Medien dienen

Die Arbeit an »Die Cleveren« war der Anfang nicht nur für die Zusammenarbeit mit dem bekannten Schauspieler Hans Werner Meier und dem Drehbuchautor Johannes W. Betz (inzwischen Headwriter bei Studio Hamburg für den ganzen Kriminalbereich), sondern auch für den
Aufbau eines Tätigkeitsfeldes: Medienberatung. Es folgten Workshops. Ziel eines solchen Workshops ist es z.B., sich an mehreren Tagen in unterschiedlichen Settings mit so vielen Ideen und deren alternativer Entwicklung zu beschäftigen wie möglich. Wer mag, schickt schon im
Vorfeld Konzepte, Exposés, auf die sich Ursula Reichwald und ihr Team, das nach Anforderung zusammengestellt wird, vorbereiten. Intensive Einzelarbeit wechselt mit der Arbeit in kleinen und größeren Gruppen. Während die Teilnehmer in der Einzelarbeit stark von der psychologischen
Kompetenz des Teams profitieren, bringen Kleinund Großgruppen Alternativen und Flexibilität in die Entwicklung von Plot und Figuren. Zum besseren Verständnis schildert sie mir ein Bespiel, in dem es um eine
Familie geht, in der der Vater immer öfter gewalttätig wird. Das Team um Ursula Reichwald hilft den Machern bei der Beantwortung wichtiger Fragen: Welche demografischen Merkmale weisen Familien auf, in denen ein
Partner gewalttätig wird? Welche dispositionellen und situativen
Faktoren tragen zu gewalttätigen Eskalationen bei? Warum bleiben Frauen in solchen dysfunktionalen Beziehungen? Welches sind die häufigsten Ursachen, die zur Aufdeckung von Gewalt in Familien und zur Trennung vom Täter führen?
»Das ist Klinische Psychologie einmal umgekehrt«, sagt sie, »ich habe nicht einen Klienten mit einer gegebenen Störung, sondern ich kreiere einen Klienten aus meinem psychologischen Wissen heraus und entwickle mit den
Künstlern gemeinsam dessen Umfeld.« Kann man davon leben? Sie will davon nicht leben, weil das bedeuten könnte, dass sie irgendwann einen Auftrag nicht ablehnen kann. »Die Ansinnen von Medien sind bisweilen so,
dass ich sehr froh bin, Nein sagen zu können. Oft ist es so, dass sie unsereins als Feigenblatt benutzen wollen, nur zur Bestätigung der eigenen Sicht.« Differenzierteres sei oft gar nicht gefragt, ganz anders als bei Betz, der selbst sehr intensiv recherchiere und mit ihrer Hilfe nur noch tiefer in die Materie eindringen möchte. 

Noch fließt zu wenig psychologisches Wissen in mediale Inhalte ein 

Worin besteht die Materie? Leider allzu oft geht es um psychische Erkrankungen, dabei spiele Psychologie doch
in jedem Film eine Rolle – egal, ob es um Paarbeziehungen, eine Familiengeschichte oder einen Krimi geht. »Es ist bedauerlich zu sehen, wie wenig Wissen aus der Psychologie in mediale Inhalte einfließt«, sagt sie, »aber immerhin arbeiten wir daran, das zu ändern.« An wem
liegt es? »Fragen Sie lieber, woran. Die Antwort ist sehr oft: am Geld. Nur wenige gut etablierte Drehbuchautoren können sich eine solche Beratung leisten. Ganz ähnlich ergeht es Schauspielern, sosehr sie sich wünschen
mögen, mehr darüber zu wissen, wie z.B. ein aus Afghanistan zurückgekehrter traumatisierter Soldat eine PTBS erlebt. Man muss also an die Produzenten, die eigentlichen Geldgeber ran. Und das klappt nicht allein mit einer Webseite, mit Flyern. Nein: Man muss Gesicht zeigen, persönlich Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich möchte keiner der Beteiligten Details aus solchen Gesprächen später in der ›Bunten‹ oder in ›Bild‹ lesen.
Vertrauen ist unerlässlich.« Bedarf an psychologischer Beratung sieht Ursula Reichwald auch bei den Künstleragenturen. Schauspieler beraten, wenn sie mit Ablehnungen zurechtkommen müssen, mit dem Auf und Ab
in der Karriere, wenn sie unsicher sind, wie sie ihre Karriere am besten steuern, was Zeitverschwendung ist und was eine wertvolle Investition in die Zukunft, wann man auch mal Nein sagen muss usw. Manchmal flattert ihr ein fertiges Drehbuch in der 27. Fassung auf den Tisch. Dann ist es besonders schwer, Personen und Beziehungen gänzlich in Frage zu stellen.
Anders, wenn von der Idee an gemeinsam gearbeitet wird oder sobald der Autor beginnt, szenisch zu erzählen, aber dieser Idealfall trete nur selten ein. Sie habe deshalb mit ihrem Team eine Methode zum Umgang mit Drehbüchern entwickelt, das »close reading«. Zeile für Zeile, Bild für Bild werde dabei geprüft. Das Drehbuch wird dazu in eine Tabelle umgewandelt. Am Bildschirm zeigt sie mir, wie so ein analysiertes und kommentiertes
Skript danach aussehen kann. Ich erschrecke zunächst angesichts der vielen kritischen Anmerkungen und möchte wissen, wie gut Künstler mit solcher Kritik umgehen können. »Wer unseren Rat sucht, hat den ersten
Schritt ja bereits getan. Profis haben mit Kritik weniger Probleme als Anfänger. Und natürlich hängt die Reaktion auch von der Qualität unserer Kritik ab.« Wie wichtig z.B. die ersten Bilder sind, erläutert sie mir mit leuchtenden Augen am Beispiel von Hitchcocks »Die Vögel«. »Denke Sie nur daran, wie die ganz am Anfang über das Haus fliegen! Das ist Psychologie pur!« 

Viele Zuschauer erreichen und nicht nur eine elitäre Mittelschicht 

Gibt es eine »Traumrolle«, an der sie gern einmal mitwirken würde? »Stromberg« sei so eine Serie, an der sie gern Anteil hätte. Aber sie ist nicht festgelegt auf die öffentlich-rechtlichen Sender. »Wenn ich Psychologie vermitteln will, dann ist es in gewisser Hinsicht sogar besser, dies dort zu tun, wo viele Zuschauer erreicht werden und nicht bloß eine elitäre Mittelschicht.« Dann lacht sie über sich selbst und fügt hinzu: »Ich kann jede Soap ohne schlechtes Gewissen anschauen, schließlich tue ich das aus beruflichen Gründen …«

Christa Schaffmann

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