Terror als Resultat extremer Angst

Terror als Resultat extremer Angst

Interview mit Günter Bierbrauer

Sie haben 2002 an einem Symposium der Hanns-Seidel-Stiftung zur Psychologie des Terrorismus teilgenommen und dazu auch einen Beitrag verfasst. Damals wurde eine ganze Reihe Defizite in der Terrorismusforschung deutlich. Sind wir heute, zehn Jahre später, vorangekommen, und, wenn ja, welche neuen Erkenntnisse gibt es seitens der Psychologie?

Nach 2001 sind in den USA eine Reihe von Exzellenzzentren gegründet worden mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Prävention des Terrorismus systematisch zu erforschen. Ein Schwerpunkt sind die Programme zur
De-Radikalisierung von möglichen Gewalttätern. Das sind Programme, die in Ländern wie Ägypten, Irak und Großbritannien durchgeführt werden, um moderate Muslime dazu zu bewegen, ihre Anliegen gewaltlos vorzubringen. In einigen Programmen in Ägypten debattierten z.B. muslimische Gelehrte mit inhaftierten muslimischen Führern über die wahre Bedeutung des Islam.
In den USA ist die Forschung also mit der Gründung spezieller Forschungszentren intensiv fortgesetzt worden.

Wieso ist Vergleichbares in Deutschland nicht geschehen? Fehlen hier die Kapazitäten, oder nimmt man die Bedrohung nicht ernst genug?

Für die USA war der 11. September ein viel bedeutenderer Einschnitt, als wir das aus der europäischen Perspektive zum Teil wahrnehmen. Das hat dazu geführt, dass die dortige sozialwissenschaftliche Forschung an
diesem Punkt besondere Förderung erfährt. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle Terrorismus zunächst definieren. Es gibt keine einheitliche, anerkannte Definition. Die am meisten verbreitete ist die aus der UN-Resolution 1566 des Sicherheitsrates. Unter Terrorismus versteht man danach »Straftaten, namentlich auch gegen Zivilpersonen, die mit der Absicht begangen werden, den Tod oder schwere Körperverletzungen zu verursachen, oder Geiselnahmen, die mit dem Ziel begangen werden, die
ganze Bevölkerung, eine Gruppe von Personen oder einzelne Personen in Angst und Schrecken zu versetzen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung oder eine internationale Organisation zu einem Tun oder Unterlassen zu nötigen«. In der Resolution fordert der Sicherheitsrat alle Staaten auf, solche Straftaten zu verhindern und, wenn sie nicht verhindert werden können, sicherzustellen, dass für solche Verbrechen Strafen
verhängt werden, die der Schwere der Tat entsprechen. Diese Resolution wird nicht von allen UN-Mitgliedern akzeptiert, denn was für uns Terroristen sind, gilt in anderen Ländern als Widerstandskämpfer. Diese Definition wird von einigen UN-Mitgliedern auch deshalb abgelehnt, weil sie Kriege und die dabei verursachten Opfer nicht einbezieht. Das tut sie nicht, weil wir klar unterscheiden zwischen kriegerischen Akten von Staaten gegenüber anderen Staaten und terroristischen Akten von Gruppen. 

Und wie passen die Verbrechen des Norwegers Breivik da hinein?

Das ist in der Tat kompliziert. Er ist nach dem jetzigen Ermittlungsstand ein Einzeltäter, auch wenn er sich auf imaginäre Fantasiegruppen, die angeblich hinter ihm stehen, beruft. 

Geht die Tendenz nicht sowieso weg von der straff organisierten terroristischen Organisation, wie Al Quaida es war, zu kleiner werdenden Gruppen?

Im modernen Terrorismus ist es offenbar nicht mehr nötig, eine straff geführte Organisation im Hintergrund zu haben. Durch die Massenmedien ist die Verbreitung der Ideologie immer gesichert; sie geschieht im Internet. Über das Netz findet auch die Verknüpfung zwischen Terroristen – Gruppen wie Einzelkämpfern – statt, sodass die alten Organisationsstrukturen keine zwingende Bedingung mehr sind. 

Sie haben bereits vor Jahren gesagt, dass es die Terroristenpersönlichkeit nicht gibt, dazu sei Terrorismus ein viel zu komplexes Phänomen mit einer Vielzahl soziokultureller und psychologischer Faktoren. Lassen sich dennoch gemeinsame Merkmale bei Terroristen unterschiedlicher Couleur finden?

Es gibt Untersuchungen über die Persönlichkeitsmerkmale von Terroristen. So hat der Psychologe John G. Horgan, Direktor am International Centre for the Study of Terrorism (ICST) an der Pensylvania State University, 60 ehemalige Terroristen interviewt und dabei folgende auffällige Merkmale gefunden. Sie fühlen sich entfremdet und zornig. Sie glauben nicht, dass sie über normales politisches Engagement ihre Ziele erreichen können. Sie identifizieren sich mit angeblichen oder tatsächlichen Opfern von sozialer Ungerechtigkeit; sie sind überzeugt, dass ihre terroristischen Handlungen nicht unmoralisch sind. Sie sind mit anderen befreundet oder familiär verbunden, die ähnliche Ziele haben, und die Mitgliedschaft in terroristischen Gruppen gibt ihnen das Gefühl von sozialer Identität. Das sind Merkmale, die zunächst nicht überraschen. Sie zu benennen, ist aber wichtig, um nicht den Fehler zu machen, sie als krank zu bezeichnen. Wir
tendieren dazu, solche Menschen als psychisch gestört anzusehen. Viele Terrorismen mögen einen starken Narzissmus zeigen, sie sind aber deshalb nicht krank. Dies ist unter der Mehrheit der Psychologen Konsens.

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