Je schwerer die See, desto wichtiger die Crew

Je schwerer die See, desto wichtiger die Crew

Aus der Arbeit von Schifffahrtspsychologen


Prof. Dr. Hans-Joachim Jensen, ehemals Hochschule für Technik und Wirtschaft in Flensburg, ist fasziniert von der interkulturellen maritimen Lebenswelt. Heute lebt er in Hamburg und widmet auch noch im Ruhestand sein Leben der Psychologie und der Schifffahrt. Als Schiffsoffizier ging er mehrere Jahre auf große Fahrt, bevor er sein Studium der Psychologie und Ökonomie begann. Danach half ihm sein Fachwissen bei arbeits- und schifffahrtsspsychologischen Untersuchungen auf nationalem und internationalem Gebiet. Als Hochschullehrer bildete er nautische und technische Studenten aus. Für die Fortbildung von Kapitänen und Schiffsoffizieren entwickelte er Konzepte für das Krisen- und Notfallmanagement sowie in der Führung interkultureller Besatzungen. »report psychologie« sprach mit dem Schifffahrtspsychologen.

 

Bei 70 bis 80 Prozent aller Schiffsunfälle ist menschliches Versagen die Ursache. Was kann die Psychologie beitragen, um Havarien zu verhindern?

Aus der Luftfahrt ist das Crew Ressource Management bekannt. An dieses ist das interkulturelle Kommunikationsund Teamverhaltenstraining in der Schiffsführung angelehnt, das zu einer möglichen Reduzierung von Havarien
beitragen kann. Dafür habe ich gemeinsam mit dem Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine zahlreiche Seeunfälle analysiert. An Bord und auf der Kommandobrücke arbeiten Kapitän, nautischer Wachoffizier und Rudergänger zusammen. Dieses hierarchisch gegliederte Team ist meist multinational zusammengesetzt. Sicherheit
auf einem Schiff ist immer dann gewährleistet, wenn die Situation adäquat eingeschätzt wird und darauf basierend Entscheidungen getroffen werden. Das kann nur gelingen, wenn Informationen ganz offen ausgetauscht werden. 

Welchen Belastungen sind die Schiffsbesatzungen ausgesetzt?

Wenn ein neues Besatzungsmitglied die Arbeit an Bord aufnimmt, kann das einen hohen Akkulturationsstress zur Folge haben. Seeleute verlassen für neun bis zwölf Monate oder sogar länger ihren vertrauten Sprach- und
Kulturraum. Zudem müssen sie sich in eine hierarchische Führungsstruktur mit einer multinationalen Besatzung einfügen. Diese relativ lange Einsatzzeit sowie die damit verbundene Trennung von der Familie, die
Verständigung in einer fremden Sprache und die vielfach monotone, »entfremdete« Arbeit sind erhebliche Stressoren. Des Weiteren sind sie durch plötzlich auftauchende technische Störungen oder Wetterveränderungen gefordert. Der Einsatz an Bord bedeutet eine ständige Verfügbarkeit und somit eine 24-stündige Arbeitsbereitschaft
an sieben Tagen in der Woche. Ein intensiver Schiffseinsatz durch die Reeder und die Einhaltung enger Fahrpläne führen zu kurzen Liegezeiten in stadtfernen Containerhäfen. Das bedeutet für alle an Bord Arbeit zu ungünstigen Zeiten und häufig unter Zeitdruck und Schlafmangel. Landgänge sind kaum möglich. Weitere Belastungen ergeben sich aus den Umweltbedingungen wie Schiffsbewegung, Hitze, Lärm, Vibration
und Enge.

Wie können Sie als Psychologe helfen, die Arbeits- und Lebenssituation an Bord zu verbessern?

Dazu gibt es viele Ansätze, in die Psychologen eingebunden werden können: zum einen in die Auswahl und Zusammensetzung multiethnischer Besatzung hinsichtlich ihres Kommunikations- und Teamverhaltens. Auch
sagen wir immer wieder, dass die Verbesserung der externen Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten zur Familie und zur Heimatgesellschaft verbessert werden müssen. Dann entwickeln wir Trainings für Belastungssituationen, die die unterschiedlichen Rangpositionen und Herkunftsländer aller an Bord berücksichtigen.
Zudem hilft es einigen, wenn das Wachsystem beispielsweise an den individuellen chronobiologischen Rhythmus angepasst wird. Bedarfsgerechte Entspannungsmöglichkeiten und Fitnessangebote steigern die Kompensationsmöglichkeiten gegenüber berufsbedingten Stressoren. Nach potenziell traumatischen Ereignissen bieten wir eine geeignete psychosoziale Hilfe an und bereiten insbesondere Führungskräfte auf den
Umgang mit derartigen Extrembelastungen vor.

Wie sehen die Entscheidungsstrukturen aus? Was muss dabei von psychologischer Seite beachtet werden, wenn man geeignete Teammitglieder finden und schulen möchte?

Da eine psychologische Auswahl bisher in der Seeschifffahrt nicht erfolgt, liegt der Schwerpunkt in der Ausbildung und einem berufsspezifischen Training. An Bord gibt es fest verteilte Rollen, die sich aus dem Dienstgrad, dem Ressort, dem ein Besatzungsmitglied angehört, und der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Wachsystem ergibt. Diese Struktur bestimmt den
Wohn- und Lebensbereich des Besatzungsmitgliedes und schränkt eigenständige Verhaltensmöglichkeiten wesentlich ein. Aus Studien wissen wir, dass die kulturelle Zusammensetzung einen Einfluss auf das Kommunikations- und Teamverhalten hat. In der Tendenz verringert
sich der Informationsfluss, und es kommt zu einem erhöhten Hierarchieverhalten. Durch ein sogenanntes »Assertiveness-Training« zum selbstsicheren Durchsetzungsverhalten soll ein nachgeordnetes Teammitglied befähigt werden, einen abweichenden Standpunkt zu äußern und nachdrücklich zu vertreten.

Welche Rolle haben Frauen an Bord?

Obwohl es heute eine Reihe weiblicher nautischer und technischer Schiffsoffiziere gibt und auch vereinzelt Frauen in der Funktion als Kapitänin, stellen Frauen an Bord noch eine Minderheit dar. Aber sie können insbesondere in Führungspositionen das Klima verbessern, weil sie das männliche Rollenverständnis ihrer Kollegen erweitern.

Welche Besonderheiten muss die maritime Notfallpsychologie berücksichtigen?

Da Schiffe weltweit eingesetzt werden, steht nach einem potenziell traumatischen Ereignis in der Regel keine externe Psychologische Erste Hilfe zur Verfügung. Die Besatzungsmitglieder bilden ein in sich geschlossenes Sozialsystem »Schiff«. Deshalb wird bei schweren Unfällen an Bord, bei Havarien und bei Piratenüberfällen praktisch jeder unmittelbar oder mittelbar betroffen sein. Dies muss in die Notfallpsychologie einfließen, wie auch ein kulturbedingtes unterschiedliches Kommunikationsverhalten und Machtverständnis multiethnischer Crewmitglieder, häufig in Verbindung mit einer unzureichenden englischen Sprachkompetenz, sowie die Arbeitsplatzunsicherheit ausländischer Seeleute, die eine Vertrauensbeziehung behindern können. Bei der Erarbeitung geeigneter Präventionsmaßnahmen zur Psychologischen Ersten Hilfe wurden dabei auch die Erfahrungen der Deutschen Marine in der Krisenintervention und dem Critical Incident Stress Management (CISM) berücksichtigt. Aber es gibt noch viel zu tun. Zurzeit bereiten der ehemalige leitende Psychologe des Schifffahrtmedizinischen Institutes der Deutschen Marine Dierk-Peter Hansen und ich gerade eine umfassende Publikation zur Crisis Intervention im »International Textbook on Maritime Medicine« vor.

Welche Rolle spielen Piratenangriffe in Ihrer Arbeit?

In dieser zukünftigen Publikation behandeln wir in besonderer Weise die Probleme von Piraterie und Terrorismus in Verbindung mit einer Geiselnahme.

Woran arbeiten Sie in den kommenden Monaten?

Zurzeit arbeite ich zusammen mit dem Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und
Maritime Medizin an der »Hamburg Seafarer Study«. Als Projektleiter des arbeits- und schifffahrtspsychologischen Teils erforsche ich mit meinem Kollegen Dierk-Peter Hansen Belastung, Beanspruchung und mögliche Präventionsmaßnahmen. Wir befragen Seeleute mit dem von uns entwickelten Fragebogen sowie mit dem Effort-Reward-Imbalance Questionnaire von Siegris. Ferner erfolgt ein Screening psychischer Arbeitsbelastung mit dem standardisierten Beobachtungsinterview (SPA-S) von Metz und Rothe. Um geeignete Präventionsmaßnahmen zu finden, planen wir Reedereibefragungen und Interviews mit Seeleutevertretungen und Welfare- Einrichtungen. Im schifffahrtsmedizinischen Teil der Studie werden vom Zentralinstitut biometrische Verfahren zur Erfassung der Herzrate/Herzvariabilität, der Schläfrigkeit im Zusammenhang mit Vigilanz und Aufmerksamkeit eingesetzt. Die Untersuchung erfolgt auf zirka 15 Containerschiffen im Fahrtgebiet englischer Kanal, Nord- und Ostsee. Ich bin schon sehr gespannt auf unsere Ergebnisse.

Das Gespräch führte Alenka Tschischka.

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