Psychologie im Notfall

Für Täter und unmittelbare Opfer von Gewalttaten existieren inzwischen viele Konzepte, die von Prävention bis Therapie reichen. Nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen jedoch die professionellen Helfer, die traumatisierte Menschen begleiten, beraten und behandeln oder auch direkten gewaltsamen Übergriffen während ihrer Arbeit ausgesetzt sind. »report psychologie« sprach mit Clivia Langer von der Fachgruppe Notfallpsychologie in der Sektion Klinische Psychologie.

Was sind das für Menschen, die professionell helfen? Sind das »starke
Kerle«, die alles wegstecken können?

Wenn man zum Beispiel an Rettungssanitäter denkt, dann sind das Menschen, die für solche Situationen ausgebildet sind. Das sind Menschen, die gut strukturiert sind und besser mit Belastung umgehen können als Menschen, die sich solch einen herausfordernden Beruf nicht aussuchen
würden. Sie haben auch Spaß daran, im Sinne von »sensation seeking«, mit Blaulicht durch die Straßen zu brausen, um Menschen zu erreichen, die ihre Hilfe brauchen. In dem Moment, in dem dann etwas geschieht, was von »normalen« Situationen abweicht, können diese Menschen unbeirrt in ihren Arbeitsmodus umschalten. Dadurch sind sie geschützter und können abarbeiten, was sie immer in ihrer Ausbildung geübt haben. Der »Retter« erlebt sich als handlungsfähig und keinesfalls hilflos. Dadurch erklärt sich, dass die Verarbeitung eigener Betroffenheit auf einem anderen Niveau geschieht als bei einem Ersthelfer, der mit seinem ausgebleichten Erste-Hilfe-Koffer in der Hand nicht einmal die stabile Seitenlage bei einem Unfallverletzten hinbekommt. Ich kann jedem Psychologen, der sich mit Notfallpsychologie beschäftigt, empfehlen, mal ein Praktikum im Rettungsdienst zu machen und sich anzuschauen, wie kompetent – auch in Hinsicht auf Stressbewältigung – sich »Retter« in einer Situation »Autounfall« verhalten, wie sie im Team kommunizieren und einen solchen Einsatz miteinander erleben und tragen.


Wer hilft danach?
Dann gibt es noch die anderen Helfer, die nicht auf der Seite der Retter stehen, sondern dann gefragt sind, wenn diese abrücken. Zum Beispiel nach einem vergeblichen Wiederbelebungsversuch im häuslichen Bereich, wenn der Patient verstorben ist und die Sanitäter gehen müssen, da ist es für sie schön zu wissen, dass beispielsweise über die Rettungsleitstelle ein Kriseninterventionsteam (KIT) alarmiert werden kann, das sich
um die völlig aufgelöste Familie kümmert. Und diese KIT-Helfer leisten dann in den ersten Stunden Beistand, damit die Familie aus ihrer Hilflosigkeit wieder in Handlungsfähigkeit zurückfinden kann.


Wie sieht denn die Prävention für all diese Helfer aus?
Gibt es da Stufenpläne?

Nehmen wir zum Beispiel eine Hilfsorganisation: Da haben sich die Mitarbeiter schon in ihrer rettungsdienstlichen Basisausbildung mit Themen wie Stress, Coping, Ressourcen und Psychohygiene beschäftigt.
Daran anschließend werden sie dann im Bedarfsfall nach besonders belastenden Einsätzen von speziell in der Einsatznachsorge ausgebildeten »Peers« nachbetreut. Es gibt auch soziale Ansprechpartner, beispielsweise
auf einer Rettungswache, die niederschwellig auch mal auf Kollegen zugehen und zu allen Unterstützungsressourcen im konkreten örtlichen Umfeld für belastete Kollegen Bescheid wissen: von den in der Regelversorgung vorhandenen Angeboten der Psychotherapie
bis hin zur Schuldnerberatung. Sie sind auf den Wachen akzeptiert und darin ausgebildet, erste Gespräche zu führen und auf Kollegen zuzugehen, sie anzusprechen und zu sagen: »Mensch, du siehst ja bedrückt
aus. Was ist denn los?«

Lesen Sie das vollständige Interview mit Clivia Langer in der aktuellen Ausgabe von "report psychologie"

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