Im Zerrspiegel der Wahrnehmung

Patientinnen und Patienten mit Essstörungen nehmen ihren Körper zumeist verzerrt wahr. Prof. Dr. Silja Vocks arbeitet an der Universität Osnabrück im Bereich der Klinischen Psychologie und Psychotherapie mit essgestörten
Patientinnen. Sie leiden an Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und der Binge-Eating-Störung. Dabei erforscht sie mittels verschiedener wahrnehmungs- und kognitionspsychologischer Paradigmen Bereiche wie beispielsweise biologische Bewegungsmuster bei diesen Patientinnen.
Ihr Ziel ist es, Erkenntnisse über Informationsverarbeitungsprozesse, wie zum Beispiel die neuronale Verarbeitung körperbezogener Stimulation, oder auch über körperbezogene Verhaltensweisen (zum Beispiel »Body
Checking«) zu gewinnen. Mit »report psychologie« sprach sie über einige ihrer Studien im Bereich der Körperwahrnehmung bei Essstörungen.


Wie sah der Aufbau Ihrer Studie zur Wahrnehmung der eigenen Bewegungsmuster aus? Wie genau sind Sie vorgegangen?
Für dieses Projekt haben wir mit Nikolaus Troje und seinem Bio-Motion-Lab (Queen’s University Kingston, Kanada) zusammengearbeitet. Zunächst wurden animierte Bewegungsmuster erstellt, das heißt Lichtpunkte, die als
menschliche Bewegungen wahrgenommen werden. Im Versuch konnten diese animierten Bewegungsmuster dann von unseren Testpersonen, das heißt Frauen mit Bulimia nervosa und gesunden Frauen, in Bezug auf den Body-Mass-Index (BMI) verändert werden. So konnten die Teilnehmerinnen
per Tastendruck das am Computer dargestellte Gangmuster in Richtung eines schwerfälligeren oder eines leichteren Gangmusters verändern. Hierdurch sollte herausgefunden werden, wie sie sich in Bewegung fühlen
und wie sie gerne aussehen möchten. Gleichzeitig haben wir auch mit Fotos gearbeitet. Die Teilnehmerinnen wurden zunächst in einem eng anliegenden Anzug fotografiert. Per Tastendruck konnten sie am Computer auch diese Fotos verzerren, das heißt in Richtung eines schlankeren oder dickeren Körpers verändern. So konnten sie uns anhand dieser Fotos demonstrieren, wie sie sich fühlen und wie sie gerne aussehen würden.

Was haben Sie herausgefunden, indem Sie die Frauen sich per Foto einschätzen ließen?
Frauen mit Bulimia nervosa haben ihre Körperausmaße in Bezug auf die gefühlte Wahrnehmung um zirka zwölf Prozent überschätzt. Interessanterweise haben sich die gesunden Frauen, das heißt diejenigen ohne Essstörung, unterschätzt. Sie dachten, sie wären dünner, als sie es
tatsächlich sind. Was in allen Gruppen der Fall war: Alle Frauen wollten dünner sein, als sie es tatsächlich sind.

Was haben Sie bei den Laufmustern in dieser Studie feststellen können?
Die Frauen mit Essstörungen wählten in den Kategorien zur Einschätzung ihrer eigenen gefühlten Bewegungsmuster solche aus, die weitaus schwerfälliger waren, als sie ihrem eigenen tatsächlichen BMI entsprechen würden. Bei den gefühlten Bewegungsmustern war das ein BMI von über 29, der der Adipositas nahekommt. Also nehmen Frauen mit Bulimia nervosa ihre eigenen Bewegungsmuster als die einer nahezu adipösen Frau wahr. Bei den Gesunden war im Gegensatz dazu die Wahrnehmung relativ angemessen in Bezug auf den eigenen BMI. Und alle wollten ein Gangmuster haben, das einem gewünschten BMI von zirka 19 entspricht,
also eher im Untergewichtsbereich liegt.

Sie kamen also mit beiden Methoden zum gleichen Schluss, oder?
Man könnte den Schluss ziehen, dass beide Methoden, also die Foto- und die Läuferverzerrtechnik, das gleiche Phänomen messen. Aber wir haben ergänzend noch Fragebogendaten ausgewertet. Diese zeigen, dass die
Einschätzungen mittels der Fotoverzerrtechnik mit dem Ausmaß an Schlankheitsstreben und Figursorgen korrelieren. Im Gegensatz dazu wiesen die Bewegungsmusterdaten einen hohen Zusammenhang mit sozialer Unsicherheit und körperbezogenem Vermeidungsverhalten
auf. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass diese Personen es vermeiden, ihren Körper in sozialen Situationen zu zeigen und sich vor anderen zu bewegen, weil sie sich zu dick fühlen. Also deuten die mit der Fotoverzerrtechnik und der Läuferverzerrtechnik erhobenen Daten auf unterschiedliche Konstrukte hin.

Könnten diese Ergebnisse zu einem Umdenken in der Diagnostik und Behandlung führen?
So weit möchte ich jetzt noch nicht gehen, weil das bisher noch die einzige Studie zum Thema ist. Da muss man noch vorsichtig sein. Aber mit der Läuferverzerrtechnik scheinen wir ein Konstrukt zu messen, das nicht
mit der Fotoverzerrtechnik darzustellen ist und noch einen anderen Aspekt beinhaltet als die bloße Einschätzung der eigenen Körperausmaße. Dieser Bereich des dynamischen Körperbildes muss noch weiter erforscht werden, zum Beispiel im Hinblick auf den Zusammenhang mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen.

Wenn Sie den Gedanken mal weiterspinnen, wo sehen Sie denn einen Einsatz auf therapeutischer Ebene?
In der Therapie von Essstörungen ist die Körperkonfrontation ein wichtiges Element. Die Patienten nähern sich unter therapeutischer Anleitung systematisch ihrem Spiegelbild an. Man könnte jetzt aus unseren Forschungsergebnissen den Schluss ziehen, dass sie sich auch mit ihren
eigenen Bewegungsmustern auseinandersetzen müssten oder aber auch stärker auf das Vermeidungsverhalten in sozialen Situationen fokussieren sollten, da dies ja stark mit der Einschätzung der einzelnen Bewegungsmuster zusammenhängt.

Wie könnte man das umsetzen?
Man könnte beispielsweise die Konfrontationsübungen dahin gehend verändern, dass die Patienten zum Beispiel über Filmaufnahmen mit ihren eigenen Bewegungsmustern konfrontiert werden. Aber da muss noch sehr viel mehr spezifische Forschung durchgeführt werden, bevor man hier eindeutige Aussagen zur Effektivität machen kann.

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