In der Weltpolitik ist die Zeit der Psychologie gekommen

Elisabeth Götzinger von der Sektion »Angestellte und Beamtete Psychologen« war als Privatperson zum ICP gereist. Sie wollte einen Eindruck erhaschen, wie die Psychologie »am anderen Ende der Welt« angewendet wird. Als sie aus dem Flugzeug im afrikanischen Winter
stieg, fiel ihr auf, dass die Zeit dort dieselbe wie in Deutschland ist, aber die Sonne am Mittag im Norden steht. Mit »report psychologie« sprach sie über ihre weiteren Eindrücke.

Wie war denn die Atmosphäre auf dem Kongress?
Ich war von vielem beeindruckt. Da möchte ich zuerst die immer gut gelaunte Betreuung der Kongressteilnehmer durch eine Vielzahl von Assistentinnen und Assistenten nennen, wie ich sofort auch die selbstbewusste und festliche Eröffnungszeremonie erinnere, deren Marimba-Klänge irgendwie während der ganzen Zeit in der Luft lagen.
Gearbeitet wurde – sehr arbeitssam – »from dawn to dusk«, nämlich von der Morgensonne um acht Uhr bis zum Sonnenuntergang um 18 Uhr im südafrikanischen Winter. Mir ist auch der Kontrast des lichten und großen
Kongresszentrums zu den noch bestehenden armen und schwarzen Townships aufgefallen, ebenso die noch spürbaren Reste der Apartheid und die Annäherung der schwarzen, farbigen, asiatischen und weißen Gruppierungen, sowohl auf dem Kongress als auch in Kapstadt.

Wie beurteilen Sie die internationale Atmosphäre auf dem ICP – gerade für Nichtforscher?
Im Programm hatte ich viele Themen der Psychologieanwendung gefunden. Aber ich hatte mir bewusst vorgenommen, einen Eindruck zu erhalten, wie die Psychologie in Afrika angewendet wird. Kapstadt ist nicht Südafrika, geschweige denn Afrika; das hatte ich gelesen und hörte ich immer wieder. Die Themenschwerpunkte wie HIV/Aids, Rasse und Rassismus, Kultur- und Friedensforschung und der starke Ethik-Block waren aber nicht nur auf Afrika bezogen, sondern auf die sogenannten »entwickelten« Staaten wie USA sowie die »sich entwickelnden« Länder wie Indien, Iran oder Afghanistan. Es sollen viele Studenten da gewesen sein.

Werden die jungen Psychologinnen und Psychologen gefördert?
Der jüngste Teilnehmer sei 15 Jahre alt gewesen, hieß es. Das war wohl ein zukünftiger Student. Der Älteste, ein Japaner, zählte 105 Jahre und lud mit anderen zum nächsten ICP 2016 nach Yokohama ein. Für die jungen
»aufstrebenden« Wissenschaftler wurde von der IUPsyS ein Programm aufgelegt (Emerging Psychologists Program, EPP), in dem sie besonders trainiert werden und sich weltweit vernetzen sollen.

Bei Südafrika denkt man an das Leid, das die Aids-Epidemie dort verursacht. Haben Sie diesbezüglich etwas erfahren können?
Ja, dieses Thema wurde tagelang direkt behandelt und
zusätzlich im Zusammenhang mit ethischen Fragestellungen diskutiert. Es gibt unterschiedliche staatliche Programme in verschiedenen Staaten Afrikas, die jedoch nur für Infizierte gedacht sind. Diese sind zudem meist
in englischer Sprache abgefasst und müssen in die örtlichen Dialekte übersetzt werden. Darüber hinaus müsse »bei der Behandlung einbezogen werden, dass die Patienten hungern und sich schämen«. Die nicht psychologischen Berater müssen geschult werden, fordern die
Psychologen – »giving psychology away« in Afrika. Aber: Die Prävention ist das Thema, das noch nicht zufriedenstellend sei.

Wie haben Sie die Aufbruchsstimmung empfunden, die all die Themen und Fragen hervorgerufen haben?
Selbstbewusst. In den Folgerungen vieler Vorträge hieß es: Die Psychologie muss sich einmischen wie zur Zeit vor mehr als zwanzig Jahren im Widerstand gegen die Apartheid. Der zukünftige Präsident Saths Cooper sagte am Schluss des Weltkongresses: »Die Wirtschaft hat versagt. In der
Weltpolitik ist die Zeit der Psychologie gekommen.« Bei der Entgegennahme des Preises »Achievement Against the Odds«, was ich übersetze in »Erfolg gegen das Böse«, sagte er als Preisträger: »Die Zukunft der Psychologie
erscheint in rosigem Licht.«

Report Psychologie Oktober 2012 bestellen

Zurück