Burnout - Die neue Volkskrankheit?

Der neueste BDP-Bericht »Die großen Volkskrankheiten« enthält auch einKapitel über Burnout. Das rege Interesse, das die Pressevertreter bei der Vorstellung des Berichts zeigten, spricht für die Wichtigkeit und Aktualität des Themas. Wir müssen Lösungen dafür finden, wie sowohl jeder Einzelne als auch die gesamte Gesellschaft mit dem Thema »Burnout« umgehen sollte. Welche Ansätze sind für die Prävention nötig? Wie lassen sich ausreichend geeignete Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene schaffen? Da es sich bei Burnout um eine psychische Störung handelt, ist hier insbesondere die Expertise von Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gefragt.

Was ist eigentlich Burnout?
Da wir keine ganz genaue Festlegung darüber haben, was Burnout eigentlich ist, gestaltet sich auch die fachliche Diskussion darüber schwierig. Eine recht umfassende und heute auch weitgehend anerkannte Definition für Burnout liefern Schaufeli und Enzmann (Schaufeli & Enzmann, 1998, S. 36): »Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand ‚normaler‘ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht.« Im Gesundheitswesen gilt Burnout nicht als Krankheit! Es gibt keine Möglichkeit, Burnout nach der ICD-10 als Krankheitsdiagnose zu klassifizieren. In dieser Klassifizierung findet sich ein Verweis auf Burnout nur an einer einzigen Stelle, nämlich im Kapitel zu »Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen« – alle anderen Kapitel beschreiben »Krankheiten«. In der ICD-10 wird Burnout als Schwierigkeit bei der Lebensführung eingeordnet. Es wird keine Unterscheidung getroffen zwischen Burnout, Stress und einem Zustand der totalen Erschöpfung.
Diese Einschätzung als »Randphänomen« steht im Widerspruch zur Aufmerksamkeit, die Burnout zurzeit bekommt. Damit wird einerseits das tatsächliche Leiden der Betroffenen verharmlost und einer persönlichen Unfähigkeit zugeschrieben. Andererseits werden auch die gesellschaftlichen Ursachen nicht ausreichend fassbar, und Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz erscheinen eher nebensächlich, denn der Arbeitgeber kann ja dann nicht verantwortlich gemacht werden für die »Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung« seiner Mitarbeiter.

Auslösende Faktoren
Im Allgemeinen wird Burnout immer mit dem Arbeitsleben in Verbindung gebracht. Die spontan am häufigsten genannten psychischen Belastungen sind Zeitdruck und Überforderung durch eine zu hohe Arbeitsmenge.
Aus der Forschung wissen wir allerdings, dass die Ursachen für psychische Überlastungen und damit auch für Burnout sehr vielfältig und komplex sind. Damit ergeben sich auch sehr unterschiedliche Anknüpfungspunkte für die Prävention von Burnout: an den individuellen Arbeitsplätzen, im gesamten Unternehmen und auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Was muss zur Burnout-Prävention getan werden?
Nicht sehr zielführend ist die Diskussion der Fachwelt, nach der Burnout eigentlich immer eine Depression sei und deswegen das Wichtigste eine geeignete Behandlung sei. Damit wird erst am Endstadium angesetzt. Der erste und wichtigste Schritt ist deswegen, an den Ursachen der Belastungen zu arbeiten. Dazu gehört einerseits, die Mitarbeiter sowohl in ihren Rechten als auch in ihren Fähigkeiten im Umgang mit psychischen Belastungen zu stärken. Für die Stärkung der individuellen Widerstandskraft eignet sich das Resilienzkonzept. Andererseits müssen die Arbeitgeber dazu gebracht werden, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über gute und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen auch umzusetzen. Dazu müssen die psychischen Belastungen regelmäßig beurteilt werden (Gefährdungsanalyse) und passende Gegenmaßnahmen entwickelt werden. Damit diese Ansätze in den Unternehmen wirklich energisch verfolgt werden, müssen die Arbeitsschutzgesetze ergänzt werden. Psychische Belastungen müssen in diesen Gesetzen, die weitgehend noch auf den Arbeits- und Unfallschutz ausgerichtet sind, ausdrücklich erwähnt werden. Um diese Aufgaben mit qualifiziertem Personal umsetzen zu können, brauchen wir neben dem bereits gut etablierten System der Betriebsärzte in Zukunft die Betriebspsychologen. Ebenso wie alle Betriebe einen Betriebsarzt haben müssen, der sie betreut, muss in Zukunft auch der Betriebspsychologe fest etabliert werden.

Dipl.-Psych. Julia Scharnhorst, MPH
E Julia.scharnhorst(at)h-p-plus.de

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