Budgetdeckel auf, Psychotherapie raus?!

Ende Oktober wurden die Honorarverhandlungen zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und den Krankenkassen beendet. Im kommenden Jahr soll es für die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten bis zu 1,3 Milliarden Euro mehr geben – rund drei bis vier Prozent. Neu ist auch, dass die Psychotherapie aus dem Budget der Fachärzte herausgenommen wird und es 1150 neue PT-Kassensitze geben soll. Alenka Tschischka sprach mit der VPP-Vorsitzenden Eva Schweitzer-Köhn.

Sie haben eine spannende Zeit hinter sich. Wie sehen Sie die Honorarverhandlungen im Rückblick?
Ich selbst war an den Honorarverhandlungen nicht beteiligt. Daran war überhaupt kein Psychotherapeut oder Psychotherapeutin direkt beteiligt. Wir konnten die Prozesse nur beobachten. Kein Psychotherapeut hat Stimmrecht im Bewertungsausschuss. Etwas Einfluss konnte man vorher über die Gremien nehmen, insbesondere die KBV, die dortige Vertreterversammlung und den Beratenden Fachausschuss, und über Kontakte zu Krankenkassen und Politik. Leider hatten die Psychotherapeutenverbände beim Versorgungsstrukturgesetz nicht erreichen können, dass die angemessene Vergütung der Psychotherapie ausreichend gesetzlich geregelt wird.

Wie viel Spannung ist im System?
Die Spannung war sehr hoch im System. Die direkten Handlungsmöglichkeiten für die Psychotherapeuten sind nicht so groß, aber sicher hat der Druck der Psychotherapeutenkammern und -verbände doch dazu beigetragen, dass die Krankenkassen sich auf die extrabudgetäre Vergütung der Psychotherapie und damit auf die Übernahme des Mengenrisikos eingelassen haben und wenigstens 1150 neue Psychotherapeutenkassensitze zugesagt haben, auch wenn wir das bei Weitem nicht für ausreichend halten. Die psychotherapeutische Versorgung ist mittlerweile häufig Thema in den Medien und oft auch sachgerecht dargestellt. So haben sich die Krankenkassen bewegt und eingesehen, dass sie hier etwas verbessern müssen und dafür auch die Finanzierung übernehmen müssen.

Was bedeutet die Ausbudgetierung der Psychotherapie für die Patienten und die Psychotherapeuten?
Die Patienten merken davon zunächst nichts. Sie kommen nach wie vor mit ihrer Krankenversichertenkarte zum Psychotherapeuten, wenn sie nach einer immer noch recht langen Wartezeit einen Termin bekommen haben. Sie beantragen die Therapie dann wie gehabt bei ihrer Krankenkasse. Für die Psychotherapeuten ändert sich im Ablauf auch nichts. Sie rechnen nach wie vor über die KV ab. Sie erhalten ihre monatliche Abschlagszahlung wie bisher, den Honorarbescheid und die Restzahlung. Es ändert sich innerhalb der KV, dass die Psychotherapie nicht aus der begrenzten morbiditätsbedingten Gesamtvergütung bezahlt wird, sondern eins zu eins (so wie angefordert) von den Krankenkassen bezahlt wird. Das gilt auch für die probatorischen Sitzungen. Diese fallen dann nicht unter die Quotierung, wie es in bisher vier KVen geschehen ist und bei weiteren angekündigt wurde. Das heißt, es wurde innerhalb dieser KVen ein »Psychobudget« gebildet, das sich auf die Leistungsmengen vergangener Jahre bezieht, jeweils erhöht um die Steigerungsraten der Gesamtvergütung. Dieses Budget reicht nicht aus, um alle psychotherapeutischen Leistungen mit dem Orientierungspunktwert zu bezahlen. In manchen KVen wird dann aus dem fachärztlichen Honorartopf gestützt, in anderen werden die genehmigungspflichtigen Leistungen zum Orientierungspunktwert bezahlt. Denn das BSGUrteil erfordert, dass die probatorischen Sitzungen zur Hälfte mit 2,56 Cent bezahlt werden. Die restlichen Leistungen werden dann abgestaffelt, so wie es die Restmenge im Budget noch hergibt. Ab 2013 sollen nun auch die probatorischen Sitzungen extrabudgetär und mit dem Orientierungspunktwert vergütet werden. Damit wird der Bedeutung der Probatorik für den Erfolg der Psychotherapie Rechnung getragen, der Bedeutung einer sorgfältigen Diagnostik und sorgfältigen Prüfung der Passung. Das heißt nicht, dass wir jetzt zufrieden sind mit dem Honorar. Weitere Änderungen müssen im Bewertungsausschuss entschieden werden, sowohl die Anpassung der Psychotherapiehonorare an die fachärztlichen Honorare, wie es das BSGUrteil vorschreibt, und – hoffentlich – bald auch Änderungen im EBM, die zum Beispiel zu einer besseren Bewertung der Probatorik und anderer wichtiger Leistungen, wie des Berichts an den Gutachter, führen sollten. Dafür setzt sich der VPP auf allen möglichen Ebenen ein, auch gemeinsam mit den anderen Psychotherapeutenverbänden.

Stichwort »Bedarfsplanung und Honorare«: Wo sehen Sie das wichtigere Handlungsfeld für den VPP?
Beides ist wichtig. In den Verhandlungen wurde beides verknüpft, was realistisch ist. Für weitere Psychotherapeutensitze, für eine Ausweitung der psychotherapeutischen Versorgung muss irgendwoher das Geld kommen. Das ist durch die extrabudgetäre Vergütung jetzt darstellbar. Die 1150 zusätzlichen verhandelten Sitze reichen aus unserer Sicht bei Weitem nicht aus. Jetzt geht es darum, auf KV-Ebene dafür zu kämpfen, dass erstens kein einziger vorhandener Sitz durch Aufkauf der KV stillgelegt wird, sondern alle vorhandenen Sitze erhalten bleiben und weitergegeben werden und zweitens zusätzliche notwendige Sitze durch Sonderbedarf gezielt regional geschaffen werden. Die Kriterien für Sonderbedarfszulassungen werden ebenfalls neu gefasst durch den Gemeinsamen Bundesausschuss.

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