Die Rückkehr des Homogenitätsmythos

Kiesler (1966a, 1966b) kritisierte schon früh den sogenannten »Homogenitätsmythos«, nämlich die Annahme, dass alle Klienten und alle Therapeuten einheitlich seien, und damit auch die daraus resultierende Annahme, dass es »einheitliche« Therapien gäbe, die für alle Klienten geeignet und effektiv seien. Kiesler (1969) nimmt vielmehr an, dass Klienten sehr unterschiedlich sind, dass sie unterschiedliche Persönlichkeits- und Störungscharakteristika aufweisen und dass sie daher unterschiedlich auf unterschiedliche Arten von Therapien und Interventionen reagieren.
Die Implikation daraus ist,

  • dass im Grunde keine Therapie denkbar ist, die für alle Klienten geeignet is.
  • dass eine Therapie, die für Klienten mit Charakteristikum X geeignet ist, für Klienten mit den Charakteristika XYZ schon nicht mehr geeignet sein muss (dies zeigen Untersuchungen zu Komorbiditäten: Sobald zum Beispiel zur Depression Aspekte von Persönlichkeitsstörungen hinzutreten, sind bestimmte Therapien nicht mehr wirklich wirksam, vgl. Fava et al., 2002; Gouzoulis-Mayfrank et al., 2008; Greenberg et al., 1995; Hardy et al., 1995; McDermut & Zimmerman, 1998; Newton-Howes et al., 2006).
  • dass deshalb das therapeutische Angebot unterschiedlich, flexibel an Klienten angepasst sein muss
  • dass therapeutische Bedingungen auf Klientenseite höchst komplex sind und dass diese Komplexität auch eine Komplexität auf Seiten der Therapeuten und der Therapien notwendig macht und
  • dass deshalb das therapeutische Angebot heterogen sein und so bleiben sollte, um allen Klienten passende Angebote machen zu können.

Diese Komplexität wird auch deutlich aus dem von Orlinsky und Howard (1986) aus empirischen Analysen abgeleiteten »Generic Model of Psychotherapy«. Sie wird aber auch deutlich in allen Arbeiten, die empirisch deutlich machen, welche Fälle unterschiedlicher Eingangs- und Prozessmerkmale von Klienten es gibt (siehe z.B. Clarkin & Levy, 2004; Conte, 1991; Garfield, 1986, 1994), und die deutlich machen, welche Fälle empirisch als wirksam ausgewiesener therapeutischer Interventionen und Strategien es gibt (vgl. Bennun & Schindler, 1988; Beutler, 1977; Beutler et al., 1986, 1994, 2004; Blatt et al., 1996; Bohart et al., 2002; Caspar, 1996; Elliott et al., 2004; Jones et al., 1988). Und sie wird deutlich in Arbeiten, die die Heterogenität möglicher therapeutischer Prozesse zeigen (vgl. Baer et al., 1980; Beutler et al., 1991; Greenberg & Safran, 1989; Orlinsky & Howard, 1986a, 1986b, 1994; Orlinsky et al., 2004; Sachse & Elliott, 2002). Und die Fülle von Strategien erschöpft sich keineswegs in den Unterschieden zwischen unterschiedlichen Therapieformen, sondern auch innerhalb von Therapieformen, ja auch innerhalb von Störungsgruppen gibt es eine Vielzahl therapeutisch sinnvoller und effektiver Vorgehensweisen (vgl. Grawe et al., 1990a, 1990b, 1994).

Die hohen Komplexitäten auf Klienten- und Therapeutenseite machen erneut deutlich,

  • dass man, wenn man homogene Klientenpopulationen schafft, die tatsächliche therapeutische Realität stark verzerrt: In der therapeutischen Realität gibt es keine »reinen« Populationen (zum Beispiel depressive Klienten ohne Persönlichkeitsstörungen)
  • dass man, wenn man nur wenige therapeutische Angebote macht, in der therapeutischen Realität niemals alle Klienten effektiv erreichen kann.

Die empirischen Analysen machen wiederum zweierlei deutlich:
1. Es gibt keine einzelne Therapiemaßnahme, die bei allen Störungen konstruktiv wirkt und die bei allen Klienten mit allen Charakteristiken (damit sind andere Variablen gemeint als Störungen) indiziert ist.
2. Es gibt keine therapeutische Strategie und keine Therapiemaßnahme, die so hohe Effektstärken hätte, dass sie alle anderen Maßnahmen »aus dem Feld schlagen könnte«, das heißt, dass es gerechtfertigt wäre, auf Alternativen zu verzichten.

Daraus folgt, dass auch auf der Seite der Therapie das Angebot vielfältig, heterogen und flexibel sein und bleiben sollte. Deutlich wird auch, dass es für die gleiche Art von Störung eine Vielzahl unterschiedlicher Störungstheorien gibt, aus denen zum Teil auch wieder (sehr) unterschiedliche therapeutische Strategien resultieren (vgl. Doering et al., 2008; Herpertz et al., 2008; Lutz, 2010; Petermann & Reinecker, 2005; Strauß et al., 2007). Das heißt, schon die psychologische Interpretation einer Störung ist nicht einheitlich, und damit ist die Ableitung einer Therapieform nicht zwingend, egal, wie effektiv diese auch sein mag.

Lesen Sie den gesamten Artikel (inkl. Literaturverzeichnis) in der Februarausgabe "report psychologie"

Report Psychologie Februar 2013 bestellen

Zurück