Mit Freude auch Schwerkranken helfen

Seit Dezember verstärkt Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier das Team der Psychologischen Hochschule (PHB). Die 36-Jährige hat dort eine Professur für Klinische Psychologie im Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Für »report
psychologie« beantwortete sie Alenka Tschischka Fragen zu ihrer Vita und jetzigen Forschungsschwerpunkten.

Wie ist es an der PHB?
Ich war über fünf Jahre in Freiburg im Breisgau in der Uniklinik auf einer Spezialstation für affektive Störungen tätig, wo ich schwerpunktmäßig Patienten mit schweren chronischen Depressionen behandelt habe. Zudem war ich in die Lehre eingebunden, sodass Zeit für die Forschung meist nur abends und am Wochenende blieb. Jetzt freue ich mich sehr, dass ich durch die Professur an der PHB viel mehr Zeit für Forschung und Lehre habe. Zudem finde ich das schulenübergreifende Denken an der PHB sehr stimulierend. Der Scientist-Practioner-Ansatz – die Verbindung von Wissenschaft und Praxis – passt sehr gut zu der Art und Weise, wie ich bisher gearbeitet habe.

Wie sind Sie zur Psychologie gekommen?
Ich habe in Nordrhein-Westfalen, in Detmold, Abitur gemacht. In der Oberstufe gab es zwar nicht das Fach Psychologie, aber Erziehungswissenschaften. Meine damalige, sehr engagierte Lehrerin hat viel Psychologie in ihren Unterricht integriert. Ich habe damals Bücher über
Kinder mit psychischen Problemen – wie Autismus oder Essstörungen – verschlungen. Das war der Beginn meiner Leidenschaft für die Psychologie. Nach einem bereichernden »Umweg« – ich habe zunächst Querflöte in
Weimar studiert – habe ich dann mein Psychologiestudium hier in Berlin an der FU begonnen.

Sie haben im Herbst mit Carsten Spitzer einen in der Presse und der Fachwelt viel beachteten Artikel zum Thema »Nebenwirkungen der Psychotherapie« publiziert. Wie sinnvoll finden Sie einen sogenannten »Beipackzettel« für Psychotherapie?
Pauschal einen Beipackzettel für alle Psychotherapien zu gestalten, halte ich für wenig sinnvoll. Auf jeden Fall muss aber der einzelne Patient individuell – je nach Störungsbild und angewandter Therapieform – über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt werden. Wenn ein Patient beispielsweise zu Beginn sehr verunsichert ist, dann würde ich nicht auf die gravierenden Nebenwirkungen dramatisch hinweisen, aber diese dennoch im ersten Gespräch vorsichtig andeuten. Gleichzeitig ist es immer wichtig, viel Hoffnung zu vermitteln, zum Beispiel so: »Ich bin mir sehr sicher, dass diese Psychotherapie Ihnen helfen wird, denn Psychotherapie ist in der Regel sehr wirksam. Allerdings wirkt Psychotherapie oft nicht direkt und sofort. Möglicherweise geht es Ihnen in den ersten Wochen auch erst einmal schlechter, weil Themen angesprochen werden können, über die Sie lange nicht nachgedacht oder geredet haben. Langfristig wird diese Therapie Ihnen jedoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit helfen.«

Wieso haben Sie in Freiburg über Nebenwirkungen geforscht?
Prof. Jürgen Margraf setzt sich bereits seit über zehn Jahren dafür ein, dass das Thema »Nebenwirkungen« in der Psychotherapie nicht mehr tabuisiert wird. Daher gibt es nun vereinzelt schon Arbeitsgruppen, die sich mit diesem Thema beschäftigen und beispielsweise Instrumente zur Erfassung von Nebenwirkungen entwickeln. Wir haben einen spezifischen Fragebogen entwickelt, der mögliche Risiken und Nebenwirkungen unserer intensiven stationären Psychotherapie erfasst. Eine spezifische Nebenwirkung kann beispielsweise sein, dass es den Patienten auf der Station gegen Ende der Therapie sehr gut geht, was oft durch das »Quasi-Zusammenwohnen« mit vielen Mitpatienten und die enge Betreuung durch ein ganzes Team unterstützt wird. Nach ihrer Entlassung wird es dann besonders für Alleinstehende umso schwerer, weil sie sich dann wieder sehr einsam fühlen, was wiederum einen Rückfall triggern kann. In diesem Zusammenhang ist das Problem der Hospitalisierung zu sehen. Spezifische und recht häufige Nebenwirkungen von stationären Therapien sind auch zwischenmenschliche Konflikte – entweder mit Mitpatienten oder mit dem Behandlungsteam. Es war aber auch wichtig, dass die Nebenwirkungen mit dem »Erfolg« am Ende der Behandlung in Beziehung gesetzt werden. Nicht die Patienten, die über viele Konflikte berichten, sind diejenigen, die auch schlecht ansprechen.

Wie hoch war die Anzahl der Patienten mit Nebenwirkungen auf der Station?
90 Prozent der Patienten berichteten über mindestens eine Nebenwirkung im Verlauf der Therapie oder nach der Entlassung. Die häufigste Nebenwirkung war, dass es den Patienten während der Behandlung zeitweise schlechter geht. Auch die erhobenen Daten – wir haben alle zwei Wochen ein Interview zur Verlaufsdiagnostik durchgeführt – zeigen diese Verschlechterung. Allerdings steht sowohl die subjektiv berichtete als auch die erhobene Verschlechterung nicht im Zusammenhang mit dem Therapieerfolg am Ende. Daher kann man ableiten: Manchmal muss es wehtun, um langfristig aus der Depression herauszukommen. Auch die Anzahl an Konflikten steht nicht im Zusammenhang mit dem Ansprechen. So haben im Rückblick viele Patienten auch berichtet, dass sie es gut fanden, dass ihnen Menschen endlich mal offen gesagt haben, wie sie auf sie wirken. Auch wenn es am Anfang wehgetan hätte, hätten sie doch viel daraus gelernt, um ihr Verhalten zu ändern.

Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen Ausgabe von "report psychologie"

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