Was ist eigentlich gerecht?

Dr. Heidi Ittner ist im BDP seit 2013 ehrenamtlich als Vorsitzende im Zertifizierungsausschuss Mediation tätig. Nachdem sie über zehn Jahre an der Universität Trier, der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und der Katholischen Universität Leuven in den Bereichen der Gerechtigkeitspsychologie, des psychologischen Konfliktmanagements, der Mediation und Verhandlung und der Umweltpsychologie geforscht hat, arbeitet sie nun freiberuflich in diesen Feldern. Für »report psychologie« sprach sie über den Beitrag der Psychologie zum Thema »Gerechtigkeit«.

Warum ist es wichtig, zwischen subjektivem und objektivem Gerechtigkeitsempfinden zu unterscheiden?
Subjektive Gerechtigkeitsempfindungen und sogenannte »objektive« Gerechtigkeitsbewertungen sind eng miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Das individuelle Gerechtigkeitsempfinden speist sich sehr stark aus den konsensualen Gerechtigkeitsvorstellungen einer bestimmten Kultur und Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit. Gleichzeitig sind »objektive« Gerechtigkeitsvorstellungen, wie sie sich zum großen Teil auch im jeweils geltenden Recht widerspiegeln, nicht statisch und unveränderlich – im Gegenteil: Sie werden unter anderem stark beeinflusst vom jeweils dominierenden Gerechtigkeitsempfinden, und sie verändern sich. Für eine lebendige und nachhaltige Gesellschaftsentwicklung sind daher beide Elemente unverzichtbar – ebenso für eine nachhaltige Bearbeitung von Konflikten und Dilemmata, in denen Ungerechtigkeitserleben eine zentrale Rolle spielt.

Wie spielen beide zusammen?
So sehr sich die beiden wechselseitig beeinflussen, so sehr können sie auch voneinander abweichen. Denn bei einem normativen (»objektiven«) Blickwinkel auf Gerechtigkeit versucht man, von Situationen zu abstrahieren und möglichst »allgemeingültig« festzulegen, was als gerecht angesehen wird. Subjektives Gerechtigkeitsempfinden jedoch bezieht sich ganz spezifisch auf konkrete Situationen und Konstellationen – das heißt, um was es mit wem vor welchem Beziehungshintergrund und auf Basis welcher Erfahrungen geht. Das deutet bereits darauf hin, dass subjektive Gerechtigkeitsempfindungen höchst variabel sein können – sprich: immer wieder anders – je nach Person und je nach Situation. Diese Varianz macht es oft schwer, damit »im alltäglichen Miteinander« umzugehen – und für die Forschung, subjektive Gerechtigkeitsbewertungen zu fassen und systematisch empirisch zu untersuchen. Dies ist jedoch besonders wichtig – und Kernaufgabe der Gerechtigkeitspsychologie –, da zahlreiche Forschungsarbeiten zeigen, dass eben genau diese individuellen, subjektiven Gerechtigkeitsempfindungen das eigene Handeln sehr stark bestimmen. Um also menschliches Verhalten erklären und verändern zu können, müssen unbedingt auch subjektive Gerechtigkeitsempfindungen
betrachtet werden.

Weshalb ist es wichtig, die Entstehungsgeschichte von Konflikten zu berücksichtigen?
Wenn sich Personen in einem Konflikt wiederfinden, so ist dieser in der Regel nicht vom Himmel gefallen, sondern er hat eine Geschichte. Und diese Entwicklungsgeschichte ist meist geprägt von (unerfüllten) Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen, Verletzungen etc., die alle ihre emotionalen Spuren hinterlassen und die weitere Wahrnehmung und Interpretationen stark beeinflussen. Kommt es nun zu einer aktiven Konfliktbearbeitung,
zum Beispiel in einer Mediation, so scheint es auf den ersten Blick leichter und »ausreichend«, sich ausschließlich auf den aktuellen Konfliktstand und seine Regelung zu konzentrieren und eben keine »alte Wäsche zu waschen«. Doch sowohl für die Konfliktanalyse und die Konfliktbearbeitung als auch für das Finden einer Regelung ist es wichtig, einen Blick auf die Entstehungsgeschichte zu werfen. Andernfalls ist es oft kaum möglich, sich in die jeweiligen Sichtweisen und Empfindungen der Konfliktparteien wirklich einzufühlen. Außerdem bietet die Geschichte eines Konflikts wichtige Ansatzpunkte für seine Tiefenstrukturanalyse – das heißt dafür, was sich, der Eisberg-Metapher entsprechend, unter der Wasseroberfläche des Konfliktes verbirgt –, die für eine nachhaltige und faire Regelung des Konfliktes von zentraler Bedeutung ist. Und die Entstehungsgeschichte eines Konflikts zu betrachten, kann helfen, den Lösungsraum zu erweitern und gemeinsam kreative Paketlösungen zu erarbeiten.

Wenn in einem Konflikt eine gerechte Lösung gefunden werden soll, zählt dann nur das Ergebnis?
Nein – wenn auch natürlich das konkrete, möglichst faire Ergebnis einer Regelung nicht unwichtig ist. Doch der gut belegte sogenannte »fair procedure effect« macht deutlich, dass es mindestens genauso oder sogar noch wichtiger ist, auf welche Art und Weise man zu der letztlichen Entscheidung gelangt. Wird nämlich der Entscheidungsprozess als fair empfunden, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass die Beteiligten bereit sind, auch für sie ungünstige Entscheidungen zu akzeptieren und mitzutragen. Dies könnte einen nun zu dem Umkehrschluss verleiten, dass man ungünstigen Entscheidungen dadurch Akzeptanz verschaffen
könnte, indem man strategisch versucht, ein betont faires Verfahren zu  initiieren. Doch das funktioniert nicht! Forschungsbefunde zeigen deutlich, dass ebendieser Umkehrschluss nicht gilt – was dafür spricht, dass die Beteiligten ein sehr sensibles Gerechtigkeitserleben haben. Sie spüren sofort, wenn Gerechtigkeitsempfindungen aus strategischen Gründen instrumentalisiert werden – und der daraus folgende Vertrauensverlust ist immens.

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