Wie gestresst sind die Deutschen?

In den letzten Jahren wurde viel über Stress, psychische Belastungen am Arbeitsplatz sowie Burnout gesprochen. Es gab diverse Studien zu einzelnen Aspekten des Themas. Jetzt hat die Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz (BAuA) den "Stressreport Deutschland 2012" vorgelegt. Darin wird über die psychischen Anforderungen, Ressourcen und das psychische Befinden am Arbeitsplatz auf der Grundlage einer Befragung von fast 18.000 Erwerbstätigen berichtet (telefonisch durchgeführt von Oktober 2011 bis März 2012). Einbezogen wurden erwerbstätige Personen ab 15 Jahren, die einer bezahlten Tätigkeit von mindestens zehn Stunden pro Woche nachgingen.

Methodisches Vorgehen

Anhand verschiedener Indikatoren wurden dabei einerseits die Arbeitsbedingungen – psychische Belastungen sowie Ressourcen – untersucht, andererseits wurden der Stress und die längerfristigen Stressfolgen der Beschäftigten erhoben. So sollten das Zusammenwirken verschiedener Arbeitsbedingungen und die Auswirkungen auf die Beschäftigten untersucht werden. Zu bestimmten Schwerpunktthemen, zum Beispiel Termin- und Leistungsdruck, Arbeitszeit, Restrukturierung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wurden die Daten gezielt ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden verglichen mit denen der letzten Umfrage aus den Jahren 2005 bis 2006. So lassen sich Trends und Entwicklungen ablesen. Allerdings wurden keinerlei Belastungen oder Ressourcen aus dem privaten Lebensbereich berücksichtigt, die sicherlich auch Einfluss auf die erlebte Stressbelastung haben. Im Bericht werden verschiedene Stressmodelle diskutiert (Belastungs-Beanspruchungs-Modell, Anforderungs-Kontroll-Modell, transaktionales Stressmodell, Modell beruflicher Gratifikationskrisen), die Autoren haben aber keines davon zur Grundlage genommen, da »es das universale Stresserklärungsmodell nicht gibt« (S.17). Sie beziehen aber die den Modellen zugrunde liegenden Faktoren überwiegend mit ein. Stress beschreiben die Autoren allgemein als »das Ergebnis eines Ungleichgewichts zwischen äußeren Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, diese zu bewältigen« (S.13). Kritisch anzumerken bleibt, dass bei diesem Stressverständnis Auslöser, die der Persönlichkeit entstammen, zum Beispiel Perfektionismus, Ängste, starker Ehrgeiz, nicht berücksichtigt werden.
Der ganzen Untersuchung liegt ein Schema zur Entstehung und zu den Folgen von Stress zugrunde, nach dem dann auch der ganze Bericht aufgebaut ist. Kurz anhaltende Stresssituationen stellen demnach kein Problem dar. Dauert eine solche Stresssituation jedoch länger an oder bestehen nicht genügend Erholungsmöglichkeiten, versucht sich der Organismus zunächst anzupassen, indem er in der akuten Stressreaktion »auf Hochtouren« läuft. Damit sinkt jedoch irgendwann die Belastbarkeit, und es kann bei chronischem Stress zu Erschöpfungsreaktionen kommen.
Aufgrund dieses Schemas wurde nach folgenden Kriterien
gefragt:
1. Belastung/Anforderungen: Arbeitsinhalt und -organisation, Arbeitszeitorganisation, Beschäftigungssituation
2. Ressourcen/Mittel zur Bewältigung: Handlungsspielraum,
soziale Unterstützung
3. Unmittelbare Beanspruchungsfolgen/Stress: Stress, Anforderungsprofil
der Arbeit (fachlich und mengenmäßig)
4. Langfristige Beanspruchungsfolgen/Stressfolgen: Beschwerden allgemein, muskuloskelettale Beschwerden, psychovegetative Beschwerden, Erschöpfung, subjektiver Gesundheitszustand.

Herausforderungen und Beanspruchungen
Als Herausforderungen werden zunehmende psychische Arbeitsanforderungen benannt, die zum Beispiel durch folgende Aspekte des Wandels entstehen:

  •  »Tertiarisierung« des Arbeitslebens, also ein Trend zur Dienstleistungsgesellschaft mit einer Zunahme geistiger und kommunikativer Tätigkeiten, die zu höheren emotionalen und kognitiven Anforderungen führen.
  •  »Informatisierung«, also die zunehmende Verbreitung von Kommunikationstechnologien und eine damit einhergehende Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit.
  •  »Subjektivierung« durch neue Steuerungsformen wie zum Beispiel Zielvereinbarungen, die zu stärkerer Eigenverantwortung für Arbeitserfolge führen.
  •  »Akzeleration«; damit ist die andauernde Beschleunigung aller Arbeitsprozesse gemeint.
  •  Neue Arbeitsformen, die häufig zu einer erhöhten beruflichen Unsicherheit und Instabilität sozialer Beziehungen durch Tätigkeits- und Berufswechsel führen.

Das Belastungsspektrum verschiebt sich also weiterhin deutlich weg von den körperlichen Belastungen hin zu psychischen Belastungen. Trotzdem sind das Heben und Tragen schwerer Lasten sowie Lärmbelastungen immer
noch sehr verbreitet. In der Untersuchung zeigte sich eine Nivellierung der Belastungswerte auf hohem Niveau – zwischen Ende der 1990er-Jahre und Mitte der 2000er-Jahre war eine erhebliche Steigerung der Belastungswerte festgestellt worden. »Spitzenreiter« bei den Belastungsfaktoren sind nach wie vor Multitasking, starker Termin- und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge sowie Störungen und Unterbrechungen bei der Arbeit. Subjektiv fühlen sich die Befragten am stärksten durch
das »Arbeiten an der Grenze zur Leistungsfähigkeit« sowie durch »fehlende« oder »nicht rechtzeitige Information« belastet. Stark zugenommen seit der letzten Befragung hat auch die subjektiv erlebte Belastung durch »starken Termin- und Leistungsdruck«, »detailliert vorgeschriebene Arbeitsdurchführung« und »sehr schnell arbeiten müssen«. Im europäischen Vergleich geben die deutschen Beschäftigten auch deutlich häufiger an, unter Termindruck und hohem Arbeitstempo zu leiden. Bei längeren Arbeitszeiten oder bei Beschäftigten, die selbst Führungsverantwortung tragen, sind die psychischen Anforderungen höher. Wirtschaftszweige, bei denen besonders hohe Belastungen durch Arbeitsinhalt und -organisation auftreten, sind das verarbeitende Gewerbe, das Baugewerbe, das Verkehrs- und Lagerei- sowie das Gesundheits- und Sozialwesen. Zu den großen Belastungsfaktoren gehört auch die Arbeitszeitgestaltung. So führen überlange Arbeitszeiten zu einem Mangel an Erholung, was wiederum zu einem um 37 Prozent erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten führt. Auch der Wegfall von Pausen wird von über einem Viertel der Befragten berichtet. Samstagsarbeit wird von fast zwei Dritteln der Beschäftigten geleistet, und Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Privatleben geben 41 Prozent an. Als weiterer Belastungsfaktor wird berufliche Unsicherheit angegeben, die »zu einem erheblichen Maße
zur Gesamtheit der psychischen Belastung beiträgt« (S. 61). Dazu gehören
beispielsweise Zeitarbeit und befristete Arbeitsverträge, die besonders
jüngere Erwerbstätige betreffen. Auch die ständigen Veränderungsprozesse erweisen sich als starker Belastungsfaktor für die betroffenen Beschäftigten.

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