Wer hilft in der ungerechten Gesellschaft?

Gerade erst hat eine aktuelle Allensbach-Umfrage festgestellt, dass zwei Drittel der Deutschen glauben, dass die soziale Gerechtigkeit in den vergangenen drei bis vier Jahren abgenommen hat. Fast 70 Prozent sind überzeugt, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland ungerecht sind. In gleicher Höhe haben die Schweizerinnen  und Schweizer zeitgleich zur Fachtagung in einem Volksentscheid aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit Bonuszahlungen und Gehälter von Managern begrenzt. Das März-Fokus-Thema von "report psychologie" und die Fachtagung der Sektion Politische Psychologie haben also ein höchst aktuelles und brisantes Thema getroffen. Denn auf Dauer kann es sich keine Gemeinschaft, keine Firma und kein Staat leisten, als Produzent von Ungerechtigkeit zu gelten. Dazu fand in der gastlichen und kommunikationsfreundlichen Atmosphäre des Gästehauses an der Frankfurter Goethe-Universität am 1. und 2. März ein reger interdisziplinärer Austausch statt. Die Sektion Politische Psychologie (Vorsitzende Constanze Beierlein), die Goethe-Universität Frankfurt (Rolf van Dick) und die Psychologische Hochschule Berlin (Siegfried Preiser) haben die Fachtagung gemeinsam ausgerichtet.
Im Eröffnungsvortrag »Einmal arm – immer arm?« ging Ernst-Ulrich
Huster auf die Mechanismen ein, die eine Verfestigung von Armutsrisiken über die Generationen hinweg begünstigen. Er verwies außer auf die Bildungsinstitutionen auf die Bedeutung von sozialen Diensten, die durch Beratungs- und Förderungsangebote auf der Basis sozialpsychologischer Kompetenzen Wege aus sozial »vererbten« Deprivationslagen weisen könnten. Katrin Prinzen zeigte, dass für die Einschätzung von Generationengerechtigkeit unterschiedliche Gerechtigkeitsprinzipen zusammenwirken: das Bedarfs-, das Gleichheits- sowie das Beitrags- bzw. das Leistungsprinzip. Aus der Perspektive der politischen Theorie postulierte Karin Schnebel, dass nur ein geschlechtersensibler Blick auf den sozialphilosophischen Diskurs zu geschlechtergerechten Gesellschaftsbildern und Gerechtigkeitskonzeptionen führen könne.
Den Einfluss von kulturell geprägten Mustern, insbesondere von Kollektivismus und Leistungsorientierung, auf subjektive Konzepte und Bewertungen von Korruption demonstrierten Petia Genkova und Iris Tietze anhand eines Vergleichs von Java und Deutschland. Judith Brinker, Julia Frey und Siegfried Preiser postulierten, dass alltägliche Konfliktbearbeitungsstile auf politische Konfliktlösungsprozesse abfärben können. Im interkulturellen Vergleich hatte sich gezeigt, dass Israelis und Palästinenser wie auch eine deutsche Vergleichsgruppe gleichermaßen relativ starke Ausprägungen bei den Konfliktstilen »Dominanz« und »Konfliktvermeidung« aufwiesen und recht geringe Ausprägungen bei »Kompromissbereitschaft« und »Interessenintegration«. Die beiden letztgenannten Konfliktstile könnten dabei am ehesten Konfliktlösungen hervorbringen, die als gerecht empfunden werden. Nils Bandelow und Barbara Thies präsentierten ein multidisziplinäres Projekt, in dem (De-)Eskalationsprozesse bei großen Infrastrukturprojekten aus Bedingungen wie Betroffenheit, Vertrauen, Expertise der Fachleute, Verfahrensgerechtigkeit und Partizipation vorhergesagt und politisch beeinflusst werden sollen.
Rolf van Dick und Jonathan R. Crawshaw zeigten, dass eine komplexe Interaktion von Ergebnis- und Prozessgerechtigkeit mit affektivem Commitment entscheidend dafür ist, ob Mitarbeiter egoistisch-karrieristische Handlungsweisen oder loyale Citizenship-Behavior-Tendenzen entwickeln. Melanie Misamer und Barbara Thies forderten anhand eines theoretischen Modells und eines sich in Planung befindlichen Projekts, dass vertrauensvolle und als gerecht erlebte Beziehungen und partizipative Machtausübung im Schulalltag demokratisches Lernen befördern
können. Als Überleitung zur Mitgliederversammlung der Sektion Politische Psychologie stellte Rainer Krieger als Vorsitzender der Walter-Jacobsen Gesellschaft für Politische Bildung und Politische Psychologie den historischen, in den letzten Jahren geschwundenen Einfluss der Psychologie in der politischen Bildung dar. Der Namensgeber und BDP-Mitbegründer Walter Jacobsen war in vergangenen Jahrzehnten als Ressortleiter in der Bundeszentrale mit weiteren Psychologen in den Landeszentralen für politische Bildung tätig gewesen. Es gelte nun, die Bedeutung psychologischer Erkenntnisse für die politische Bildung und die Politikgestaltung insgesamt wieder stärker zu verankern.
Als Fazit der Fachtagung lässt sich festhalten, dass es zahlreiche Baustellen mit Gerechtigkeitslücken gibt, dass aber die Psychologie und die Sozialwissenschaften das Handwerkszeug liefern können, um Baumängel festzustellen und Beiträge zur Beseitigung von Gerechtigkeitsdefiziten zu liefern.

Siegfried Preiser
Psychologische Hochschule Berlin


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