Die Zukunft des Psychologiestudiums

Interview mit Michael Krämer

Das Studienfach Psychologie ist bislang sehr beliebt. Gibt es Nachwuchssorgen?
Aktuell nicht. Vermutlich wird das Interesse an einer psychologischen Ausbildung unverändert hoch bleiben. Psychologinnen und Psychologen werden gebraucht. Ob als Therapeuten, als Personaler/Personalentwickler oder als Berater – ein Vorteil unserer Disziplin ist das breite berufliche Einsatzspektrum. Die Zahl der Studienangebote ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen und damit auch die der Absolventen. Michael Weegen, Arbeitsmarktforscher an der Uni Duisburg-Essen, bezeichnet die Situation für Psychologen am Arbeitsmarkt heute als »gut«. Die Arbeitslosenquote der Psychologen liegt deutlich unter dem Durchschnitt aller Berufsgruppen. Diese Zahl sagt jedoch nichts darüber aus, ob Psychologen im gewünschten Umfang und mit einem angemessenen Einkommen arbeiten können. Von bildungspolitischer Seite ist gewünscht, dass ein Teil der Bachelor-Absolventen die Hochschulen verlässt. Entsprechende berufliche Einsatzmöglichkeiten für Psychologen gibt es aber nur in überschaubarer Zahl.

Im Vorstand des BDP ist es Ihre Aufgabe, mit der Bundesvereinigung der Psychologiestudentinnen und -studenten im BDP (BV Studierende) zusammenzuarbeiten. Welche Rückmeldung bekommen Sie denn von dieser Seite?
Zunächst schätze ich das Engagement des kleinen Kreises der Aktiven sehr. Ob als Präsenz- oder als Fernstudenten erleben sie den Leistungsdruck und den Wettbewerb an ihren Hochschulen, müssen ihr finanzielles Auskommen sicherstellen, und viele befinden sich in einer bewegten Phase der Persönlichkeitsentwicklung. Leider tragen die neuen Studienstrukturen nicht dazu bei, zusätzliches berufspolitisches Engagement außerhalb des Lehrbetriebs zu fördern. Nur die Besten eines Jahrgangs erfüllen heutzutage die Voraussetzungen für einen Studienplatz in Psychologie. Selbst diese können nicht sicher sein, einen präferierten Master-Studienplatz zu erhalten. Zumindest am gleichen Studienort und in der gewünschten Studienvertiefung ist dies schwierig. Ein wichtiges Thema der BV Studierende ist aktuell, die Praktikantenbörse (wieder) online zugänglich
zu machen. Außerdem konzipieren sie einen Workshop zum Erfahrungsaustausch zwischen Praktikern und Studierenden. Wieder vermehrt werden Univorträge durch BDP-Mitglieder angeboten, um eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Studiums?

Studierenden und nicht nur diesen fehlt der Überblick, wohin sich die Hochschulinstitute entwickeln. Die neuen Abschlüsse sind eingeführt, der Weg zurück zum Diplom-Abschluss ist wenig wahrscheinlich. Daraus resultiert eine Verunsicherung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche Spezialisierungen mehr den Forschungsinteressen von Lehrenden entsprechen als die Berufsqualifizierung zum Ziel haben. Meines Erachtens
sollte das Psychologiestudium in der Regel die Breite des Fachs vermitteln und nach dem Bachelor- zu einem Master-Abschluss führen. Dies schließt nicht aus, dass fachspezifische Vertiefungen im Studium oder als Weiterbildungsmaster angestrebt werden. Den Arbeitsmarkt entscheiden zu lassen, was aus Absolventen von Studiengängen werden soll, die von Beginn an zum Beispiel kognitions- oder neuropsychologisch ausgerichtet
sind, ist nicht die Alternative. Bei Kombinationsstudiengängen, also Studiengängen, die eine Teilqualifikation in Psychologie vermitteln und noch ein weiteres Fach im Titel führen, ist jeweils zu prüfen, ob die psychologischen Anteile eine selbstverantwortliche psychologische Berufstätigkeit ermöglichen. Sie können ihren Absolventen gute Chancen in Schnittfeld zweier Disziplinen eröffnen, dürfen aber bei Studierenden, Arbeitgebern sowie Kunden oder Klienten nicht fälschlich den Anschein einer umfassenden psychologischen Ausbildung vermitteln.

Da in den BDP nur Personen aufgenommen werden können, die Psychologie studieren bzw. studiert haben, hat der Berufsverband eine Liste geprüfter Studiengänge veröffentlicht. Einige der in Deutschland angebotenen Studiengänge mit Psychologie im Titel erfüllen diese Voraussetzungen. Der BDP wird deswegen von Ihnen kritisiert. Welche Meinung haben Sie dazu?
Jeder Verband legt fest, wer Mitglied sein kann und wer nicht. Der BDP gehört gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie der Vereinigung Europäischer Psychologenverbände an. Diese hat Richtlinien formuliert, was ein Psychologiestudium beinhalten soll, und den nationalen Verbänden die Aufgabe übertragen, die Studienangebote im Rahmen der Vergabe des EuroPsy-Zertifikats daraufhin zu prüfen, ob Inhalte und Umfang der Psychologiestudiengänge die Voraussetzungen schaffen, um die für eine selbstverantwortliche psychologische Tätigkeit notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Die Kriterien des BDP sind mit diesen Richtlinien
kompatibel. Die große Mehrzahl der deutschen Studienangebote erfüllt die Kriterien. Kritik kommt primär von denjenigen, die Kombinationsstudiengänge – sicher mit bester Absicht – konzipiert haben. Wenn deren Absolventen durch eine Mitgliedschaft im BDP signalisieren
wollen, dass sie zur Profession der Psychologen gehören, sei ihnen empfohlen, die im Studienangebot fehlenden Elemente nachträglich zu ergänzen. Berufsbilder entwickeln sich stetig weiter. Ich trete dafür ein, die Diskussion im Berufsverband darüber zu führen, was eine zeitgemäße psychologische Qualifikation beinhaltet, und neue Entwicklungen im Ausbildungssektor zu berücksichtigen.

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