Heiß diskutiert: DSM-V

Im Mai tritt das aktualisierte »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, kurz DSM-V, in Kraft. Die Änderungen im Diagnosehandbuch, das sich an Symptomen orientiert und meist von ärztlicher Seite verwendet wird, werden sich wohl auch auf die von der Weltgesundheitsorganisation gesteuerte laufende Novellierung des von Psychologen und Psychotherapeuten verwendete »International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems«, aktuell ICD-10, auswirken.
Die Diskussion im Vorfeld war heiß: Der Psychiatrie-Professor Allen Frances warnte bereits 2009 in dem Fachblatt »Psychiatric Times« davor, dass mit dem DSM-V zehn Millionen Menschen zu psychiatrischen Patienten gemacht würden. Anfang 2012 warnten einige nationale Fachgesellschaften – darunter auch der BDP – die »DSM Task Force« in einem offenen Brief vor Gefahren und Folgen und forderten einen intensiven und in Bezug auf die Veränderung von Diagnosen empirisch gestützten Konsultationsprozess. Der »Spiegel« thematisierte dies in seiner Ausgabe 4/2012 unter den Titel »Die Psycho-Falle«, und auch das »Zeit Forum Wissenschaft« widmete
sich im März dem Thema: »Ist das noch normal? Wer definiert psychische Erkrankungen?«

Was ist normal?
In der Kritik steht vor allem die Ausweitung der Diagnosen. Dies geschieht durch mehrere Faktoren: erstens durch die Einstufung von Symptomen als »mild«, »mittel« oder »schwer«, zweitens dadurch, dass auffällige Verhaltensweisen als Störungen aufgenommen werden. Befürworter des neuen Diagnoseschlüssels argumentieren, dass durch die so abgesenkten Schwellen zur Stellung einer Diagnose Störungen, die meist »unauffällig« beginnen, bereits frühzeitig entdeckt werden könnten. Dabei wird vor allem
angeführt, dass Menschen, die trauern, nach bis jetzt gültigen Diagnosekriterien keine Hilfen im Versorgungsystem angeboten werden
könnten. Im DSM-V werden bereits zwei Wochen tiefer Trauer um einen
Verstorbenen als Störung und somit als behandlungsbedürftig definiert.
Hier steht die Hilfe für die Betroffenen gegen den Vorwurf, es würde Normales pathologisiert.

Aktiv oder hyperaktiv?
Die Kritiker führen an, dass nach der Einführung des DSM-IV und der damit einhergehenden Aufnahme der Kategorie »Kindliche Aufmerksamkeitsstörung« (ADHS) der Absatz des in Deutschland verabreichten Medikaments Ritalin von 34 kg im Jahr 1993 innerhalb von 15 Jahren auf das rund 50-Fache anwuchs – und das trotz eines Geburtenrückgangs. Entscheidend für die Bewertung der Auswirkungen ist, wie die auf eine Diagnose folgende Versorgung in Anspruch genommen wird und wie deren Qualität und Nachhaltigkeit sein werden.

Mehr Medikamente oder weniger Stigma?
Während viele Kritiker eine verstärkte Medikalisierung und Lobbyarbeit der Pharmaindustrie befürchten, hoffen Befürworter, dass es allerdings auch denkbar sei, dass im 21. Jahrhundert psychische Störungen endlich weniger stigmatisiert werden sowie durch verfeinerte und sorgfältig gestellte Diagnosen in Kombination mit flächendeckender Versorgung schwere Verläufe bereits frühzeitig »aufgefangen« würden. So könnten Patienten ein langer Leidensweg im medizinischen System und die damit einhergehende langwierige Behandlung von chronifizierten Störungsbildern erspart werden. Die neuen Diagnosekriterien bergen Risiken und Chancen. Es bleibt folglich abzuwarten, wie sie sich in der Versorgungspraxis auswirken.

Alenka Tschischka

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