Body-Modification

Erich Kasten ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. In verschiedenen Projekten forscht er über die Themenkreise Somatopsychologie, Halluzinationen, Body-Integrity-Identity-Disorder (BIID) und Body-Modifications. Für Letztere gibt es keine einheitliche Definition. Zählt bereits Haareschneiden oder Zu- und Abnehmen, das Formen der Muskeln durch Sport dazu? In der Szene wird der Begriff enger definiert. Dort spricht man von Body-Modification, wenn der Körper permanent verändert wird. Diese Prozesse sind mit Verletzungen und somit mit Schmerz verbunden, und sie sind meist dauerhaft und schwer rückgängig zu machen.

Historie
Die heute modernen Formen der schmerzhaften Körperveränderung, im Englischsprachigen als »Body-Modifications« oder kurz als »BodMods« bezeichnet, beruhen auf Ritualen, die mehrere Tausend Jahre alt sind. Ihre Bedeutung geht weit über bloße Verschönerung hinaus. Junge Männer mussten in Mannbarkeitsritualen zeigen, dass sie Schmerzen ertragen konnten, und die Körperverschönerung zeigte dann an, dass sie in den Kreis der Krieger aufgenommen worden waren. Reitzenstein berichtete 1923 über einen südamerikanischen Indianerstamm, bei dem Mädchen nach dem Einsetzen der Regelblutung mit Dornen Wunden in die Haut gestochen wurden, um Schmucknarben zu erzeugen. Stöhnte die junge Frau dabei auf, so wurde sie beschimpft mit Worten wie: »Du bist der Auswurf und die Schande unserer Nation. Wie, das Kitzeln mit dem Dorne findest du so unausstehlich? Hast du schon vergessen, dass du von Männern abstammst, die sich nach Wunden sehnen und selbe für Gewinn achten?« Menschen im kühlen Nordeuropa unterschieden sich durch ihre Bekleidung optisch voneinander. In den heißeren Ländern liefen die Ureinwohner mehr oder minder unbekleidet herum. Da Individualität ein tief sitzendes menschliches Bedürfnis ist, kennzeichneten sie ihre Haut. Die meisten Formen des Körperschmucks stammen daher aus Ländern wie Zentralafrika, Südamerika oder den Pazifikinseln. Auffallende Individualität ist in biologischer Hinsicht wichtig, zum Beispiel um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen und dadurch die eigenen Fortpflanzungschancen zu erhöhen. Bei den Naturvölkern hatte der Körperschmuck aber auch eine Bedeutung als soziales Rangabzeichen, in manchen Kulturen konnte man an den Hautveränderungen sogar den Beruf erkennen. Mädchen bekamen Körperschmuck oft erst nach der Heranreifung zur Frau, weitere kamen bei der Hochzeit und bei der Geburt ihrer Kinder hinzu. Nicht tätowierte Mädchen waren für die Männer tabu. Anders als heute zeigte die Menge der Tattoos damals den anwachsenden sozialen Status einer Person an. Neuere Untersuchungen (Brähler, Stirn & Brosig, 2004) deuten dagegen an, dass heute eine negative Korrelation zwischen sozialem Status und Anzahl der Tätowierungen besteht. Arbeitslose besaßen in dieser repräsentativen Studie fast doppelt so häufig Piercings oder Tätowierungen wie Berufstätige.

Motivation
Eine so starke Welle wie die der Body-Modifications konnte sich nicht lange der sozialwissenschaftlichen Forschung entziehen. Mit Hilfe von Textanalysen und empirischen Untersuchungen wurde eine Vielzahl unterschiedlicher Motivationen gefunden (Kasten, 2006, 2007; Stirn, 2003, 2004; Stirn et al., 2004). In einer unpublizierten Studie von Müller, Prassl, Schachner und Roth aus Graz kreuzten die Befragten folgende Motivbereiche an: Körperkunst (30 Prozent), Erhöhung der Attraktivität (22 Prozent), Identitätsfindung (13 Prozent), Neugier, Mutprobe, Sensation Seeking (12 Prozent), Markierung eines Lebensabschnitts (11 Prozent), Vorbilder, Gruppendruck, Nachahmung (9 Prozent), Protest, Rebellion (6 Prozent), Grenzerfahrungen (5 Prozent), erwachsen/unabhängig werden (5 Prozent), Körperkontrolle (4 Prozent), sexuelle Motive (4 Prozent), religiöse/ spirituelle Bedeutung (2 Prozent), Steigerung der Empfindungsfähigkeit (2 Prozent), Liebe, Liebeskummer (1 Prozent), Fetischismus, Exhibitionismus, S/M (1 Prozent) und Sonstiges (4 Prozent). Fraglich ist allerdings, wie lange das Glück über das neu erworbene Schmuckstück wirklich anhält? Brooks und seine Co-Autoren erfragten 2003 die Zufriedenheit der BodMod-Träger. Erstaunlicherweise kreuzten 55 Prozent an, dass sie lediglich »neutrale Gefühle« hinsichtlich ihrer Körperveränderung hatten. 45 Prozent der Befragten waren »zufrieden«, 33 Prozent waren sogar »stolz«, und 15 Prozent fühlten sich »attraktiv«. Immerhin 9 Prozent gaben aber auch negative Gefühle an, wie zum Beispiel »Bedauern« (7 Prozent), »Ärger« (3 Prozent) und »Schuldgefühle« (1 Prozent). Auf der anderen Seite gibt es unzählige Berichte von Menschen, für die der Körperschmuck einen tiefen Sinn hat. Oft ist damit die Erinnerung an eine bestimmte Lebenssituation verbunden. Gerade Tätowierungen können eine spirituelle Bedeutung haben. So lassen sich Menschen etwa chinesische Zeichen für »Glück«, »Kraft«, »Mut« oder »Liebe« auf die Haut tätowieren und sind überzeugt, dass die Zeichen etwas bewirken. David Beckham, der englische Fußballstar, hat sich unter anderem den lateinischen Spruch »Sie sollen mich ruhig hassen, solange sie mich fürchten« auf den Unterarm tätowieren lassen. Die Haut spiegelt damit die Persönlichkeit des Menschen wider, wird zum Sinnbild seiner selbst und kehrt innerste Eigenschaften wie auch Hoffnungen nach außen.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der Juni-Ausgabe

Report Psychologie Juni 2013 bestellen

Zurück