Engagement in der Politik und in politischen Parteien

Aus der Perspektive der sozialen Identität

Menschen gehören vielen sozialen Gruppen an, die für sie eine mehr oder weniger große Bedeutung haben können. Wir sind zum Beispiel gleichzeitig Mitglied einer Familie, eines Sportvereins, einer Firma und in dieser Firma in einem bestimmten Team. Wir wohnen in einem Ort und identifizieren uns vielleicht mit dem Stadtteil, in dem wir wohnen. Wir sind vielleicht besonders stolz darauf, ein Auto einer besonderen Marke zu fahren, oder wir identifizieren uns mit anderen Nutzern des gleichen Mobiltelefonanbieters oder des gleichen Kleidungsherstellers. Mitglied all dieser Gruppen zu sein, ist wichtig, weil es unsere grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach sozialem Miteinander und Zugehörigkeit befriedigt. Die Mitgliedschaft in Gruppen wirkt sich also in der Regel positiv auf den eigenen Selbstwert aus. Die Mitgliedschaft in Gruppen wirkt sich aber nach der Theorie der sozialen Identität auch auf unser Verhalten aus. Sobald eine bestimmte soziale Identität (z.B. »wir Frankfurter«, »wir Deutsche«) aktiviert ist,
■ sehen sich die Mitglieder der Gruppe als relativ austauschbare Mitglieder der Kategorie an,
■ haben sie eine gemeinsame Perspektive und Überzeugungen,
■ koordinieren sie ihr Verhalten so, dass es im Einklang mit den Gruppennormen steht,
■ arbeiten sie gemeinsam im Hinblick auf die Ziele und Interessen der Gruppe.

In der Tat konnten wir und andere Kollegen zeigen, dass Menschen in Teams, in denen Kreativität die Norm ist, sich umso kreativer verhalten, je mehr sie sich mit dem Team identifizieren. In anderen Studien konnten wir zeigen, dass sich in hohemMaße identifizierte Mitarbeiter dann besonders kundenorientiert zeigen, je mehr die Führungskräfte Kundenorientierung »vorleben«. Mitarbeiter tun also in Gruppen in der Regel das, was die Normen und Regeln der Gruppe vorschreiben, und ganz generell finden wir in vielen Studien einen positiven Zusammenhang zwischen Identifikation und Engagement für die Gruppe.


Engagement
Was bedeutet dies nun für Engagement in der Politik und in politischen Parteien? Stellenwir folgende Annahme an: Wir alle sind ja Bürger der Bundesrepublik Deutschland oder unserer Wohnorte, Landkreise usw., und wir könnten uns als Mitglieder dieser Kategorien identifizieren und uns für ihr Wohlergehen einsetzen, zum Beispiel indem wir uns in Parteien engagieren und versuchen, die Politik in den Gruppen mitzugestalten. Tatsächlich tun dies aber nur relativ wenige Einwohner. Insbesondere die
Tendenz, sich als Parteimitglied zu engagieren, ist seit Jahren rückläufig. Laut statistischem Bundesamt waren zum Beispiel im Jahr 2008 nur etwas über zwei Prozent aller Einwohner Deutschlands Mitglied in einer Partei – was gegenüber 1990 einen Rückgang von etwa einem Drittel bedeutet. Dabei sind die politischen Parteien unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie. Laut Parteiengesetz sorgen sie »für eine ständige lebendige Verbindung zwischen dem Volk und den Staatsorganen« (§1[2]). Um diesem Auftrag nachzukommen und effektiv arbeiten zu können, brauchen Parteien Mitglieder, zum Beispiel für die freiwillige Parteiarbeit (in Wahlkämpfen, bei der Organisation von Veranstaltungen usw.) und als Bewerberpool für die Rekrutierung von Politikern. Möglicherweise ist eine mangelhafte Identifikation mit Parteien eine Ursache für den Rückgang der Mitgliederzahlen? Im Jahr 2009 haben wir zusammen mit Maria-Christina Nimmerfroh eine groß angelegte Befragung von Mitgliedern aller im Bundestag vertretenen Parteien durchgeführt. Insgesamt nahmen zirka 3200 Personen aus allen Landesverbänden an der Befragung teil. Die einzelnen Geschlechts- und Altersverteilungen waren repräsentativ für die Parteien im Bund. Wir wollten mit der Befragung einerseits herausfinden, wie sich das politische Klima und wahrgenommene Unterschiede zwischen der eigenen politischen Einstellung und der der eigenen Partei auf die Identifikation der Mitglieder mit ihren Parteien auswirken. Üblicherweise betrachtet man in der Sozial- und Organisationspsychologie »nur« die Identifikation, die man mit Fragen erfasst wie: »Wenn ich von der SPD spreche, rede ich gewöhnlich von ‚wir’ statt von ‚sie’«, oder: »Ich betrachte
Erfolge der CDU als persönliche Erfolge.«

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