Wie geht's der Familie?

Weiterbildungsmaster zur Familienpsychologie an der PHB

An der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) startet zum Wintersemester 2013/2014 der neue Weiterbildungsmaster »Psychologie und Psychotherapie der Familie«. Dafür konnte Prof. Dr. Klaus A. Schneewind gewonnen werden, der im Jahr 2009 den BDP-Bericht »Familien in Deutschland« federführend mitgestaltet hat. Der Weiterbildungsmaster wendet sich an Studierende mit einem Master- oder Diplom-Abschluss in den Fächern Psychologie, Pädagogik und Sozialpädagogik und ist integraler Bestandteil einer Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (tiefenpsychologische Fundierung).

Was ist für Sie das Besondere an der Familienpsychologie?
Dass sie in unserem Leben so relevant ist. Wir alle sind Familienmenschen. Unausweichlich. Der biologisch-genetischen Grundausstattung durch Mutter und Vater können wir nicht entrinnen. Doch dieser »Mitgift« sind wir nicht
hilflos ausgeliefert: Grundsätzlich können wir auf unser Leben selbst Einfluss nehmen. Allerdings gibt es noch andere Bedingungen, die auf unseren Entwicklungsprozess einwirken. Wenn wir in einer Familie aufwachsen, hängt unsere Entwicklung auch von der Art und Weise der Beziehungen in unserer Familie ab. Hinzu kommen weitere Faktoren, wie zum Beispiel die Politik, der Beruf, die Schule oder auch die Freizeit, mit denen wir und unsere Familienmitglieder uns auseinanderzusetzen haben. Auch diese beeinflussen mehr oder minder stark die Qualität unseres Familienlebens und damit unsere eigene Entwicklung.

Was versprechen Sie sich von dem Novum, die Familienpsychologie mit
der Ausbildung zum Kinder und Jugendlichenpsychotherapeuten zu verbinden?

Kinder oder Jugendliche wachsen in der Regel in einer Familie auf oder – genauer gesagt – in dem System Familie. Wenn sie eine Störung entwickeln, ist somit meist auch die Familie mit im Spiel. Familienpsychologisches Wissen und familienbezogene Interventionskompetenzen können dann sehr hilfreich sein.

Nennen Sie doch bitte ein Beispiel!

Nehmen wir das Beispiel »Magersucht von Jugendlichen«. Eltern erleben sich dabei häufig in einer passivhilflosen Rolle. Mit familienpsychologischer Hilfe können sie in die Lage versetzt werden, bei der medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung ihrer Kinder eine wichtige behandlungsunterstützende Funktion zu übernehmen. Andererseits üben Familien beziehungsweise einzelne Familienmitglieder in Fällen von Kindesmissbrauch oder -vernachlässigung eine aktiv beeinträchtigende Rolle aus. In einem solchen krank machenden Familiensystem wird die Familie selbst zum behandlungsbedürftigen »Patienten«. An dieser Stelle bieten sich familientherapeutische Maßnahmen an.

Wie werden Ihre zukünftigen Studierenden das System Familie begreifen lernen?
Der naheliegendste Zugang ist, dass die Studierenden sich mit ihrem eigenen Familiensystem und den Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern auseinandersetzen. Dabei ist es wichtig, auch die Bedeutung der Herkunftsfamilien mit einzubeziehen. Hierzu gibt es bestimmte Vorgehensweisen, wie zum Beispiel die Familienrekonstruktion oder die Familienskulptur. Vor diesem Hintergrund lassen sich dann auch allgemeinere theoretische Zugangsweisen zum Verständnis von Familienbeziehungen wie etwa die Familiensystemtheorie und auch
empirische Forschungsbefunde zu problematischen, aber auch gelingenden Familienbeziehungen leichter verständlich machen. In der konkreten Anwendungsorientierung geht es dann darum, durch Prävention, Beratung oder Therapie Familienkompetenzen zu stärken. All dies soll in einem Mix von praxisorientierter Theorie und theoretisch fundierter Praxis vermittelt werden.

Sie sind bereits seit Langem im Feld der Familienpsychologie tätig. Konnten Sie im Lauf der Zeit Änderungen an den Erziehungsstilen
und in den Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern feststellen?

Ja, allgemein betrachtet gibt es so etwas wie eine »stille Revolution der Erziehung«. Vor allem in Westdeutschland hat dies seit den 1970er-Jahren zu einer sinkenden Bedeutung von Wertvorstellungen geführt, die auf
Pflicht und Gehorsam beruhen. Dagegen haben Werte, die sich im weitesten Sinne auf das Thema »Selbstverwirklichung« beziehen, an Bedeutung zugenommen. Empirische Zeitwandelstudien sprechen dafür, dass im Vergleich zwischen den Generationen normative Verbindlichkeiten schwinden, Leistungs- und Konformitätsansprüche reduziert werden und das Grenzensetzen zu einer immer schwierigeren Aufgabe wird. Darüber hinaus geben Eltern ihren Kindern einen größeren Freiheitsspielraum und drücken ihre Zuneigung mit mehr Offenheit aus. Damit verbunden ist tendenziell ein Übergang vom sogenannten »Befehls-« zum »Verhandlungsprinzip«, was allerdings im Alltag zu schwierigen Aushandlungsprozessen führen kann und damit das Familienleben nicht gerade einfacher macht. Dies sind – wie gesagt – allgemeine Trends. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es auch übermäßig behütende ebenso wie besonders vernachlässigende oder durch Missbrauch gekennzeichnete Eltern-Kind-Beziehungen gibt.

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