Grün, duftend, wachsend: Erholung in der Natur

Interview mit Hilarion Petzold

Prof. Dr. mult. Hilarion G. Petzold ist emeritierter Ordinarius für Psychologie (FU Amsterdam), approbierter Psycho- und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, gelernter Landwirt und hat Philosophie und
Psychologie studiert; seine Arbeitsgebiete: vergleichende Psychotherapie, Methodenintegration, Körpertherapie. Er hat die integrative Therapie begründet. In der »Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit« am Beversee, Hückeswagen, bietet er unter anderem weiterbildende Kurse für Natur-, Garten- und Landschaftstherapie an – auch für Psychologen.


Gibt es aus fachlicher Sicht gesundheitsförderliche Wirkungen von Natur auf die Psyche?
Studien zeigen: Der Aufenthalt in freier Natur fördert psychophysisches Wohlbefinden. Menschen haben sich evolutionsbiologisch als multisensorische und multiexpressive Wesen entwickelt und brauchen Bewegungs- und Wahrnehmungsanreize, um gesund zu bleiben. Die Tätigkeit im Grünen schafft Funktionslust und reduziert Stress. Eine Lauftherapie im Freien hat zum Beispiel sehr gute Effekte in der Depressionsbehandlung. Durch das sogenannte »Embodiment«, das heißt verkörperndes, »komplexes Lernen« auf sensumotorischer, kognitiver, emotionaler, volitiver und sozialer Ebene, wird der Mensch »informierter Leib«. Das fundiert die klinische Praxis von kombinierter Psycho- und Naturtherapie »vom Leibe her«. Die »Couch« ist out, in der »dritten Welle« moderner Psychotherapie sind das erlebnisaktivierende Gespräch, die komplexe Achtsamkeit und das Naturerleben in. Im Fokus steht eine Lebensstilveränderung.

Sehen Sie Schwierigkeiten, zwischen wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen und laienhaften Vorschlägen bei naturgestützten
Verfahren in Gesundheitsförderung oder Psychotherapie unterscheiden zu können?

Eigentlich nicht. Solide Ansätze müssen neurowissenschaftlich, wahrnehmungs- und umweltpsychologisch gut begründbar und evidenzbasiert sein sowie Verbindungen zu modernen systemischen, behavioralen, integrativen Therapieansätzen haben – jenseits von Esoterik. Dabei sind ökologische Achtsamkeit und grünes Engagement heute Standard. »Naturtherapien« finden sich seit der asklepiadischen Heilkunde. Heute werden Natur-, Garten-, Landschaftstherapie in vielen Anwendungsfeldern praktiziert und auch universitär gelehrt. Klinische Erfahrungsberichte zu »wilderness (Wildnis), »hiking« (Wandern), »animal assisted therapy« (tiergestützte Therapie), »green exercises« (grüne Übungen), »forrest bathing« (im Wald baden) sind durchweg positiv. Gute empirische Wirksamkeitsstudien gibt es jedoch noch wenige.

Wo gibt es wichtige Anwendungs- oder Praxisfelder für die Psychologie oder auch für andere Fachdisziplinen?
Im gesundheitspsychologischen und -pädagogischen Feld, in der Prävention sehe ich die Anwendungfelder, auch zur Unterstützung bei chronischen Erkrankungen und bei Rehabilitationsmaßnahmen. Des Weiteren sind in psychiatrischen, sucht- und gerontotherapeutischen Behandlungen Formen naturbasierter Gesundheitsförderung ein Muss.

Literatur
Petzold, H. G., Moser, S., Orth, I. (2012): Euthyme Therapie - Heilkunst und Gesundheitsförderung in asklepiadischer Tradition: ein integrativer und behavioraler Behandlungsansatz „multipler Stimulierung” und “Lebensstilveränderung” in: Psychologische Medizin, Heft 3, 18-36 und 4, 42-59 und in: Textarchiv 2012 http://www.fpi-publikation.de/artikel/textarchiv-h-g-petzold-et-al-/index.php

Petzold, H. G., Orth-Petzold, S., Orth, I. (2013): Freude am Lebendigen und weiser Umgang mit Natur. POLYLOGE 20, 2013. http://www.fpi-publikation.de/polyloge/alle-ausgaben/index.php


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