Bildungssystem der Zukunft ist durchlässig

Interview mit Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan

Wie sieht es mit der Bildungsgerechtigkeit von Migranten aus?
Was wir in vielen Grundschulen feststellen, ist, dass die Sprachen ungleichmäßig bewertet werden. Die ungleichmäßigen Kompetenzen, die die Migranten mitbringen, werden nicht gleich bewertet. Englisch oder Französisch gelten als »höherwertig« für den Arbeitsmarkt, Türkisch oder Arabisch nicht. Die Kinder erfahren frühzeitig eine Abwertung ihrer Sprache, und psychologisch betrachtet fühlen sie sich dann weniger wert. Ihr kultureller Schatz wird nicht anerkannt. Bildungsgerechtigkeit würde bedeuten, alle Kulturen als gleichwertig anzuerkennen. Das andere sind die ungleichen Startchancen.

Wie sehen diese zum Beispiel bei Kindern mit einer türkischen Herkunft aus?
Bis 1998 hat es in der Türkei nur eine fünfjährige Schulpflicht gegeben. Danach betrug sie acht Jahre. Seit 2012 gibt es jetzt eine zwölfjährige Schulpflicht. Das heißt, dass die Eltern der Kinder nicht lange zur Schule gehen mussten. Da wir in Deutschland die Bildung nicht nur über die Schule vermitteln, sondern auch über die Eltern, bedeutet dies, wenn diese Eltern zudem nicht gut Deutsch sprechen, keine gleiche Startposition. Eine Mutter, die nur kurz in der Türkei zur Schule gegangen ist, wird es schwer haben, ihr Kind in der siebten Klasse beim Deutschdiktat zu unterstützen. Das sind Formen der Bildungsungerechtigkeit, die die deutsche bildungsferne Schicht auch betreffen, aber Migranten noch viel stärker.

Was folgt daraus?
Diese Gruppen haben deutlich geringere Aufstiegschancen. Ein wichtiger Aspekt wäre hier die frühe Förderung, auch in der Muttersprache. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Migranten ihre Muttersprache gut sprechen und sie ihren Kindern auch beibringen. Ein anderer Aspekt ist die Durchlässigkeit des Schulsystems. Wir wissen, dass die Wechselquote meist unter drei Prozent und in wenigen Bundesländern bei maximal sechs Prozent liegt. Das betrifft Einheimische wie Migranten. Wenn Schüler falsch platziert werden, führt das dazu, dass ihre Potenziale nicht ausgeschöpft werden. Höhere Bildungsabschlüsse werden dann nicht realisiert.

Wie könnten diese Bildungspotenziale entdeckt und gefördert werden?
Anders als in bildungsnahen Familien knüpft die Sozialisation von Migranten in der Schule nicht nahtlos an die häusliche Sozialisation an. Tugenden wie »dem Lehrer folgen«, »Disziplin« oder »Fleiß« findet man eher in den bildungsaffinen Familien.

Sie haben auch zum Thema »Erziehungsstile in Migrantenfamilien« geforscht. Gibt es darin Unterschiede, die sich auf die Bildungsgerechtigkeit auswirken?
Die Anforderungen an einen solchen Erziehungsstil sind für Migranteneltern viel anspruchsvoller. Eine direkte Anpassung an den Erziehungsstil in Deutschland ist sehr selten. Die Erziehung, die sie selber genossen haben, kann nicht bruchlos übernommen werden, das spüren sie. Sie müssen selbst zusammensetzen, was sie für wertvoll erachten, was sie erzieherisch gerne aus der Herkunftskultur weitergeben möchten, und dann noch festlegen, was funktional und wertvoll in der Mehrheitsgesellschaft ist. Sie stehen vor den Fragen: Was von meinem eigenen kulturellen »Material« möchte ich weitergeben? Was sollten meine Kinder neu erwerben? Das ist sehr theoretisch, denn es gibt auch nicht »den« deutschen Erziehungsstil, an dem sich Migranteneltern orientieren könnten. Und dabei gibt es auch noch Pole: Einerseits gilt es, die Autonomie des Kindes zu fördern, andererseits kann dies auch als Vernachlässigung gewertet werden. Dass in Deutschland Kinder ab 18 Jahren ihre eigenen Lebensentwürfe leben, steht im Gegensatz zu dem eigenen behütenden Erziehungsstil von Migrantenfamilien. Sie haben auch meist zu wenige Kontakte, um sich ein Bild vom deutschen Erziehungsstil zu machen. Das erfordert auch Bereitschaft zum Kontakt in der Mehrheitsgesellschaft, was in der Integrationsdiskussion oft übersehen wird.

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