Was bringt Psychotherapieforschung für Praktiker?

Interview mit Prof. Susanne Hörz-Sagstetter

Seit dem 1. Januar 2014 ist Susanne Hörz-Sagstetter als Professorin für Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin tätig. Über ihre Vorhaben und Projekte im tiefenpsychologischen Zweig der Psychotherapeutenausbildung sprach sie mit Alenka Tschischka.

Wo liegen Ihre Schwerpunkte?

Meine Schwerpunkte liegen ganz klar in der Psychotherapieforschung und der psychodynamischen Diagnostik. Vor allem interessiert mich die Schnittstelle der Forschung mit der ambulanten Therapie, also die wissenschaftliche Untersuchung der therapeutischen Arbeit von niedergelassenen Kollegen mit Patienten. Schon während und nach meiner Dissertation habe ich mich mit der Rekrutierung, Diagnostik und konsequenten Auswertung von Therapiestudien beschäftigt. Anhand von psychodynamischer Diagnostik vor, während und nach der Therapie kann man die Veränderungen besonders gut untersuchen. Das ist auch schon ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit: die Prozessforschung. Beispielsweise untersuchen wir in psychoanalytischen Stunden, was währenddessen passiert, also unmittelbar im Gespräch, und wie das mit den therapeutischen Veränderungen zusammen hängt. Meistens läuft das über eine Video- oder Tonaufzeichnung, aus der dann Transkripte erstellt werden. Und dann ist es sehr spannend zu sehen: Wie läuft das konkret ab, wie reagieren Patienten auf bestimmte Interventionen, und wie lässt sich das wissenschaftlich anhand spezieller Methoden auswerten? Wichtig ist mir hierbei vor allem, die Rückmeldung sowohl der Patienten als auch der Therapeuten einzuholen. Meine Arbeit ist hier auch bisschen ein Appell: Ich möchte die Niedergelassenen auch mit den Wissenschaftlern in intensiven Dialog bringen.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Strukturdiagnostik. Wie kann sie der Tiefenpsychologie helfen?
Ich glaube, dass wir durch die Strukturdiagnostik zur Akzeptanz einer psychodynamischen Denkweise und von psychodynamischen Verfahren beitragen können. Die Strukturdiagnostik besitzt klare und operationalisierte Elemente, mit denen auch derjenige den psychodynamischen Ansatz nachvollziehen kann, der noch nicht so vertraut mit den Verfahren ist. Wir stellen in unserem »Handbuch der Strukturdiagnostik« verschiedene Ansätze vor. Psychodynamische Diagnostik untersucht nicht nur die Symptome oder deren Belastung – so wie die DSM- oder ICD-orientierten Diagnosen, eine Angststörung, eine Persönlichkeitsstörung oder eine depressive Störung erfassen –, sondern auch die Persönlichkeitsstruktur. Dabei geht es um die in der frühen Kindheit verinnerlichten Erfahrungen und Bilder von sich selbst oder von anderen und darum, wie sich diese auf psychische Fähigkeiten und das Erleben in der Gegenwart niederschlagen. Das wird anhand der Strukturdiagnostik untersucht.

Lässt sich denn die Psychotherapieforschung in der Praxis und in den Praxen einsetzen?
Das geht sehr gut, natürlich. Allerdings sollte man bestimmte Aspekte berücksichtigen. Wesentlich erscheint mir zum Beispiel, den therapeutischen Prozess so wenig wie möglich zu belasten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es Therapeuten und Patienten weniger stört, wenn immer ein Band oder eine Videoaufzeichnung mitläuft, als wenn man das nur zu bestimmten Zeitpunkten einschalten würde. Wir haben da gute Erfahrungen in der übertragungsfokussierten Therapie nach Kernberg gemacht, bei der wir Aufzeichnungen zum späteren Austausch zwischen Kollegen oder in der Supervision verwenden. Das wird dann ein »natürlicher« Prozess im Laufe der Arbeit. Des Weiteren denke ich, dass die wissenschaftliche Forschung und die klinische Arbeit voneinander getrennt werden sollten. Der Therapeut sollte nicht die Fragebögen ausgeben, sie mit dem Patienten durchgehen und danach die Therapie durchführen. Es ist einfach wissenschaftlich sauberer, wenn das nicht an dieselbe Person gekoppelt ist.

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