Das Spiel als Herausforderung und Bedrohung

von Ulrich Kuhl und Peter Schulz

»Wenn man gut spielen will, kann man nicht auf den Platz gehen und denken: Ich muss jetzt die Erwartungen der Leute erfüllen. Man muss sich von diesem Druck freimachen«, hat Mario Götze (Bayern München) kürzlich in einem Interview gesagt. Das ist nicht immer einfach, denn hochdotierte Verträge, die Fußballprofis unterschreiben, sind Leistungsversprechen, die an Erwartungen gekoppelt sind. Und auf Erwartungen, die erfüllt oder nicht erfüllt werden, erfolgen Bewertungen, von Trainern, Vereinsvorstand, Mitspielern, Fans und auch von den Medien. Dass diese Bewertungen, häufig auch von Sarkasmus getragen, zu Entwertungen werden, zeigt die Bemerkung des ehemaligen Nationalspielers und jetzigen TV-Kommentators Mehmet Scholl zur Einsatzbereitschaft von Mario Gomez in einem Länderspiel gegen Portugal: »Ich hatte Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss.« Diesen Belastungen ist ein Spieler, ob er will oder nicht, ausgesetzt. Gelingt deren Bewältigung nicht, beobachtet man häufig eine Diskrepanz zwischen dem Potenzial eines Spielers und seiner Leistung im Spiel. Die Frage ist, welche Faktoren entscheidend dazu beitragen, ob es gelingt, das vorhandene Potenzial angesichts zum Teil enormer Belastung im richtigen Augenblick zu mobilisieren.

Bedrohung und Herausforderung

Eine Leistungssituation im Sport kann unter dem Aspekt der Herausforderung (»eine gute Gelegenheit zu zeigen, was ich drauf habe«) oder unter dem der Bedrohung (»hoffentlich geht das nicht schon wieder schief«) wahrgenommen werden. Herausforderung ist an das Anstreben von positiven, Bedrohung hingegen an das Vermeiden von negativen Konsequenzen eigenen Handelns gekoppelt. Als emotionale Reaktion auf ein erfolgreiches Handeln entsteht nach Kuhl und Schulz (1988) bei Herausforderung Freude, bei Bedrohung Erleichterung. Ein Zitat aus einem Interview mit dem Trainer von Borussia Dortmund, Jürgen Klopp, nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft soll dies illustrieren: »Weniger Euphorie, wenn ich ehrlich bin, sondern Erleichterung, Befreiung. Der Druck war in den letzten Wochen immens.«

Bedrohung
Bedrohung ist ein subjektiv erlebter unangenehmer Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine Situation sehr wahrscheinlich nicht vollständig unter Kontrolle ist und sich daraus negative Konsequenzen ergeben, deren Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint. Das Ausmaß des Bedrohungserlebens hängt von zwei Faktoren ab:

1) von der Höhe der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit. Kann ich erreichen, was ich mir vorgenommen habe, was andere von mir erwarten?
2) von dem Ausmaß der befürchteten negativen Konsequenzen bei einem Misserfolg. Wie groß ist der mögliche Schaden, wenn ich versage?

Ist man sich ganz sicher, die Erwartungen erfüllen zu können, dann führen potenziell negative Konsequenzen, auch wenn sie schwerwiegend sind, nicht zu einer Bedrohung. Ist man bereit oder in der Lage, potenziell negative Konsequenzen zu akzeptieren, dann ruft die Unsicherheit, ob man eine Anforderung bewältigen kann, ebenfalls keine Bedrohung hervor. Je größer die Unsicherheit und je schwerwiegender die befürchteten Konsequenzen sind, desto stärker ist die Bedrohung. Mögliche negative Konsequenzen können sein:

  •  Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls (z.B. Enttäuschung über sich selbst)
  • soziale Abwertung (z.B. Blamage vor den Augen des Publikums, Kritik des Trainers, unausgesprochene Vorwürfe von Teammitgliedern)
  • finanzielle Einbußen 
  • Verschlechterung der Karrierechancen, aber auch die Folgen einer erneuten Verletzung.

Eindeutig bedrohlich muss die Situation für den Stürmer Stefan Kießling von Bayer Leverkusen beim Stand von 1:6 im blamablen Champions League-Spiel gegen den FC Barcelona (das Spiel endete 1:7, Messi schoss fünf Tore) gewesen sein, als er dachte: »Jetzt nicht noch eins!« (Zitat aus einem Interview)

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe.

Report Psychologie Mai 2014 bestellen

Zurück