Heimatgefühle in Zeiten der Globalisierung

Interview mit Beate Mitzscherlich

Wie würden Sie Heimat definieren?
Fontane hat geschrieben: «Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.« Heimat ist schon immer eine Reflexion. Als ich in den 1990er-Jahren meine Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben habe, hatte ich gedacht, es gebe dazu jede Menge psychologischer Literatur. Aber es gab nur einen Reader politischer Psychologen mit sehr kritischen Aufsätzen, die den Heimatbegriff damals ganz problematisch fanden. Ich habe damals gedacht, der Begriff, weil er mit so vielen Emotionen verbunden ist, sei ein genuin psychologischer. Ich zum Beispiel hätte damals gerne meine Heimat hinter mir gelassen, mit allem, was damit zusammenhing. Der Punkt ist, dass man erst mit dem Weggehen aus der Heimat seine persönliche Definition davon entwickelt. Das ist auch für die Identitätsentwicklung zentral, nämlich zu fragen: Wohin gehöre ich, zu welchem Ort, zu welchen Menschen, zu welcher Kultur? Und diese Konstruktions- beziehungsweise Reflexionsleistung ist das, was einen handlungsfähig macht. Ich kann ja nicht für die ganze Welt Verantwortung übernehmen, das überfordert mich, aber für einen begrenzten Raum.

Ist Heimat also individuell?
Bei manchen Menschen ist es auch nur ein nostalgisches Gefühl. Das sieht man auch zum Beispiel bei vielen »Heimatvertriebenen«, die haben Bilder von ihrer Heimat konstruiert, die kaum noch mit der Realität zu tun haben. Meine Mutter ist aus Schlesien und ganz früh dort weggezogen. Sie hat immer mit dem tollen Bild gelebt, das ihre Eltern ihr vermittelt haben. Als ich dann mit ihr, als sie 70 Jahre alt war, hingefahren bin, sah sie das deindustrialisierte Schlesien mit all seinen Problemen. Und erst da hat sie gesagt, dass sie froh war, in Brandenburg aufgewachsen zu sein.

Auch Sie hat es weggezogen. Sie meinen auch, dass Heimat oft als »eng« empfunden wird. Was schwingt da mit?
Klassischerweise ist Heimat als Herkunftsort definiert. Es ist erstaunlich, aber 40 bis 50 Prozent aller Menschen in Deutschland leben immer noch im Umkreis von maximal 40 Kilometern von ihrem Geburtsort. Aber das heißt auch, mehr als die Hälfte der Menschen lebt mobil, da muss man sich was einfallen lassen, wenn man seine Heimat und Identität in der Außenwelt befestigen will. Mein Forschungsansatz damals war, zu fragen: Braucht man Heimat noch? Wie stellen Menschen unter den mobilen Bedingungen »Heimat« her in einer Welt, in der sich Umgebungen wie auch Beziehungen
und Netzwerke schnell verändern können?  In unserem Forschungsprojekt haben wir damals die Entwicklungen von jungen Erwachsenen in Ost- und Westdeutschland verfolgt. Für diese jungen Erwachsenen waren soziale Netzwerke sehr wichtig, die müssen aber nicht mehr zwangsläufig ortsgebunden sein.

Können die Kontakte auf Facebook stattfinden?
Im Prinzip ja, aber die 100 Freunde auf Facebook helfen einem leider nicht beim Umzug. Wenn Sie in eine Krise kommen, dann können sie Sie nicht in den Arm nehmen. Weil wir in einem Körper leben, sind wir auf physische Räume bezogen und auf anwesende Menschen angewiesen, auf »kennen, gekannt und anerkannt sein«, wie es Ina Maria Greverus formuliert hat. Wenn ich mein soziales Netzwerk vor Ort habe, bin ich vielfältiger eingebunden und werde im Ernstfall auch schneller aufgefangen, als wenn alle nahen Menschen 800 Kilometer entfernt wohnen. Das beeinflusst auch die soziale Unterstützung, die ich anderen geben kann. Die ist ja auch etwas, was mich mit der Welt verbindet.

Was war das Ergebnis Ihrer empirischen Arbeit mit Jugendlichen in Bezug auf das Thema »Heimat«?
Es gibt drei Dimensionen der Heimat: Einmal ist es »sense of community«, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft, einer Gruppe vertrauter Menschen, deren Regeln man kennt. Das war früher quasi selbstverständlich, heute erfordert es immer eine Eigenleistung. Da lassen sich heute Menschen die verrücktesten Dinge einfallen, von Rollenspielen oder georgischem Gesang bis zur esoterischen Sekte. Wichtig sind aber immer nahe und quasi derselben »Kultur« zugehörige Menschen. Die zweite Dimension ist »sense of control«: Ich begrenze den Raum, den ich beeinflussen kann und will, und unterscheide ihn von dem, was ich nicht beeinflussen kann oder will.

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