Kann es Online-Psychotherapie geben?

Psychologische Online-Dienstleistungen sind in der psychologischen Forschung und bei den Krankenkassen längst angekommen. Es dürfte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass sie die bisher mit Erfolg praktizierte Psychotherapie von Angesicht zu Angesicht in einer Praxis kaum ersetzen
werden, sondern psychisch Kranke ansprechen, die ansonsten nicht oder erst zu spät den Weg in eine psychotherapeutische Praxis finden würden. In der ambulanten Psychotherapie insbesondere durch (kassenzugelassene) Psychotherapeuten haben online angebotene Dienstleistungen bislang allerdings kaum eine praktische Bedeutung. Während die Forschung, insbesondere die verhaltenstherapeutische, bereits zahlreiche Ergebnisse vorlegen kann und zurzeit auch Hauptanbieter seriöser psychologischer Online-Dienstleistungen ist, treten außerhalb der Forschung psychologische Online-Angebote zuzeit eher durch Dienstleister ohne Approbation und ohne Qualifikation als Psychologe auf, deren Qualifikation bisweilen sehr fraglich ist. Da diese Online- Angebote ohne Heilpraktikererlaubnis gemäß §5 HeilPrG strafbar sein können, wird das Angebot in den Grenzbereich zwischen Beratung außerhalb der Heilkunde und Psychotherapie verlegt, und es wird mit zweifelhaften Umschreibungen versucht, Personen anzusprechen, die als psychische Kranke eigentlich einer Heilbehandlung bedürften. Nicht erst diese Entwicklung führt zu der Frage, wie diese Dienstleistungen zu qualifizieren sind. Nicht jede Dienstleistung, die als psychologische Dienstleistung angeboten wird, erfüllt professionelle Mindeststandards.

Heilkunde oder Beratung?
Neben der Konkretisierung qualifikatorischer Mindeststandards bereitet es Probleme, psychologische Online-Angebote unter die herkömmlichen Begriffe der »Beratung« und der »Psychotherapie« zu subsumieren. Das liegt sicherlich auch daran, dass psychologische Online- Angebote in vielen verschiedenen Facetten auftreten. Das reicht von eher psychoedukativen Anleitungen zur Selbsthilfe auf Basis von Selbsteinschätzungen ohne Kontrolle über E-Mail-Wechsel-Therapien bis hin zu Online-Sitzungen auf Basis von F-Diagnosen, die interventiv und methodisch durchgeführt werden. Bislang nähert man sich mit dem Begriff der Fernbehandlung oder benutzt ausweichend den Begriff »Online-Therapie«.
Zunächst sollte man sich an der gesetzlich vorgebenen Unterscheidung nach Heilkundlichkeit richten. Zwar kann diese Trennung in Einzelfällen, zum Beispiel bei präventiven Leistungen, auch erhebliche Probleme bereiten. Dennoch lässt sich in vielen Fällen eine klare Trennung danach vornehmen, ob die Online-Dienstleistung an einer konkreten psychischen Störung ansetzt, sei es, dass diese bereits diagnostiziert ist, vermeintlich diagnostiert ist oder erst diagnostiziert beziehungsweise ausgeschlossen werden soll, sei es, dass der Patient auch nur den Eindruck hat, es handele sich um die Behandlung einer (vermeintlichen) psychischen Störung. In diesen Fällen sorgt zumindest der strafbewehrte Erlaubnisvorbehalt für ein Mindestmaß an Gefahrenabwehr. Liegt die psychologische Online- Dienstleistung außerhalb der Heilkunde, kann sie als psychologische Beratung zu qualifizieren sein. Obwohl es durchaus wissenschaftlich fundierte Standards für eine psychologische Beratung gibt, die meist nur von Psychologen erfüllt werden können, hat sich ein professioneller Vorbehalt für psychologische Beratung in der Rechtsprechung (noch) nicht durchsetzen können. Außerhalb der Heilkunde wird also leider hingenommen, dass ein Interessent nur dann an eine professionelle psychologische (Online-)Beratung gelangt, wenn er entweder gut informiert ist oder nur Glück gehabt hat, an einen Psychologen zu geraten. Bedenkt man, dass auch eine psychologische Beratung außerhalb der Heilkunde durchaus zu gravierenden Schäden führen kann, wenn – selbst mit besten Absichten – in die Lebensführung des Klienten eingegriffen wird, ist dieser Zustand kritikwürdig. Psychologische Beratung kann – auch online – nur von Psychologen qualifiziert erbracht werden. Auch wenn Online-Dienstleistungen gleichwohl auch durch andere Anbieter leider nicht verboten sind, sind sie qualitativ keine psychologische Beratung und erst recht keine (mit heilkundlicher Leistung verwechselbare) Therapie oder Psychotherapie.

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