Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen - alles auf Anfang?

Die fünfte Auflage des »Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen« (DSM-5) enthält zum ersten Mal in der Geschichte zwei Modelle zur Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen. Eines dieser Modelle weicht vom früheren Modell des DSM-IV sehr deutlich ab: Zum einen beinhaltet es eine Erfassung des allgemeinen »Funktionierens der Persönlichkeit« auf einer fünfstufigen Skala. Dieses Element vertritt vor allem aktuelle psychodynamische Denkweisen. Zum anderen beinhaltet das neue Modell eine Liste »maladaptiver Persönlichkeitszüge«, durch die vor allem ein Bezug zur persönlichkeitspsychologischen Grundlagenforschung hergestellt wird. Da das neue Modell jedoch hochkontrovers war und ist, wurde es von der American Psychiatric Association (APA) zunächst nur in den Anhang (Sektion III) des neuen Manuals aufgenommen, was bedeutet, dass dazu noch viel weitere Forschung nötig ist.
Infolgedessen gilt nun zunächst das alte DSM-IV-Modell weiter, und zwar obwohl die Forschung über zwei Jahrzehnte hinweg konsistent gezeigt hat, dass dieses Modell in kaum einer Hinsicht befriedigend »funktioniert«. In unserem Artikel beschäftigen wir uns zunächst mit einigen der zentralen Schwächen des DSM-IV-Modells. Dabei weisen wir darauf hin, dass einige der wichtigsten Probleme nicht empirischer, sondern konzeptueller Natur sind. Konzeptuelle Klarheit ist jedoch eine Grundvoraussetzung für die Erstellung eines funktionsfähigen Diagnosemodells. Anhand eines eigenen diagnostischen Modells stellen wir dar, wie diese konzeptuellen Probleme gelöst werden könnten. Ausgehend von diesen Überlegungen diskutieren wir dann die Stärken und Schwächen des neuen Modells im DSM-5-Anhang. Vor allem die Integration verschiedener Denktraditionen im neuen Modell kann als – im Wesentlichen politischer – Fortschritt gewertet werden, während bezüglich seiner (z.B. faktoriellen) Validität deutliche Vorbehalte bestehen bleiben. Die hitzige Debatte über die Revision der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen hat einerseits offenbart, dass viele fundamentale Fragen in diesem Bereich ungeklärt sind. Zugleich bietet sich damit aber die Chance, sich mit genau diesen Fragen nun endlich systematisch auseinanderzusetzen, mit dem Ziel, die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen konzeptuell klarer, empirisch tragfähiger und klinisch nützlicher zu machen.

von Daniel Leising, Johannes Zimmermann

Lesen Sie den gesamten Fachartikel in der September-Ausgabe

Report Psychologie September 2014 bestellen

Zurück