Alles Traumatisierungen?

Interview mit Hartmut Radebold

Prof. Dr. Hartmut Radebold hat von 1985 bis zum Jahr 2000 insgesamt 19 sogenannte Kriegskinder behandelt. In seinem Wirkungsort Kassel gab es unter anderem einen Bombenangriff, durch den in einer Nacht 10 000 Menschen starben. Noch heute ist in der Architektur des Wiederaufbaus in Kassel diese »Wunde« zu sehen. Der Psychoanalytiker gilt mit seinen Veröffentlichungen (u.a. »Abwesende Väter – Folgen der Kriegskindheit in Psychoanalysen«) als einer der Ersten, die auf die Traumatisierungen der Kriegskinder hingewiesen haben.

Begannen Ihre Forschungen mit einer Theorie der Kriegskinder, die Sie dann bewiesen haben?
Nein, ich habe einen anderen Ansatz gehabt. Aber ich habe gemerkt durch meine eigenen Reaktionen hinter der Couch, dass ich als Kriegskind mit meiner abgewehrten Geschichte lauter Kriegskinder behandelte. Ich zeigte Kummer und Verzweiflung hinter der Couch, ich habe gemerkt, dass meine eigene Geschichte wach geworden ist. Im Lauf eines sehr mühseligen und schmerzhaften Prozesses (Selbstanalyse) erst habe ich mich besser verstehen können.

Ihr Ansatz hat sich durch das Buch von Sabine Bode verselbstständigt? Welche Haltung haben Sie dazu?
Ich finde es sehr wichtig, dass Hilke Lorenz, danach Sabine Bode und auch Günter Grass mit »Im Krebsgang« diese Bücher geschrieben haben. Ich habe die Fachwelt erreicht, mit ihren Büchern haben diese Autoren das Thema in die breite Öffentlichkeit gebracht. Auf dem 2. Internationalen Kriegskinderkongress in Münster 2013 haben meine Frau und ich all diese Autoren und auch Dokumentarfilmer eingeladen, um über ihre Arbeit zu berichten. Wir müssen uns austauschen und ergänzen. Ich finde es sehr wichtig, dass es diese Autoren gibt.

Ist denn alles, was in der Psychotherapie oder im Verhalten nicht erklärbar ist, durch Traumatisierung bedingt?
Bestimmt nicht. Das Wort »Traumatisierung« wird ein Stück missbraucht, und gerade bei den Kriegskindern muss im Einzelfall genau geschaut werden: Gab es beschädigende, traumatisierende Erfahrungen? In welchem Lebensalter? In welcher Reihenfolge? Und können sich diese heute noch auswirken? Stichwort: Retraumatisierung und Traumaaktivierung in der Alterssituation.

Steckt dann hinter jedem Problem der Kriegsenkel eine durch die Eltern weitergebene Traumatisierung?
Also, das ist ein sehr pauschales Urteil, das ich nicht teilen möchte. Diese Generation bringt Probleme mit, die sie in Internetforen, Selbsthilfegruppen oder auch in der Psychotherapie aufarbeitet. Auch dort muss man ganz genau hinschauen: Sind die mitgbrachten Symptome die gelebte Geschichte ihrer Eltern, oder sind es ihre eigenen Probleme? Die Kinder der Kriegskinder müssen erst einmal wissen, was ihre Eltern erlebt haben. Susanne Bode schreibt, dass in 80 Prozent aller Familien nie über diese Erlebnisse geredet wurde. Das beginnt nun bereits im Ersten Weltkrieg, denn die Kriegskindereltern waren dort jung. Wenn nun die Kinder der Kriegskinder in Therapie ihre Probleme bearbeiten, muss man ganz genau hinschauen. Unerklärliche Symptome wären zum Beispiel Angst vor Feuerwerk, Angst vor Sirenen, Träume seiner Eltern, obwohl man den Krieg nicht erlebt hat, Bindungsprobleme, Maßstäbe und Erziehungsnormen, die man nicht versteht, beispielsweise: Wieso muss ich alles aufessen? Wieso darf ich nichts wegwerfen? Das ist jedes Mal im Einzelfall genau
abzuklären.

Die Fragen stellte Alenka Tschischka.

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