Psychisch krank sein in der Fremde

Dr. Ibrahim Özkan hält beim Tag der Psychologie am 21. November in Berlin einen Vortrag zum Thema »Das Fremde als Herausforderung in der Psychotherapie«. Er ist leitender Psychologe in der psychiatrischen Ambulanz und Leiter des Schwerpunktes »Kulturen, Migration und psychische Krankheiten« im Asklepios Fachklinikum in Göttingen. Alenka Tschischka beantwortete er im Vorfeld Fragen zum Thema.

Wie unterscheiden sich denn die 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland von den anderen?
Gar nicht. Ich habe versucht, das mit dem kulturellen Eisbergmodell zu erklären. Es meint, dass wir das sehen, was äußerlich ist: Man sieht die Erscheinung, das Geschlecht und vielleicht auch das Alter, kann vielleicht über Kleidung auch die Herkunft vermuten. Das Interessante ist jedoch das, was unter Wasser und somit nicht sichtbar ist. Die Überzeugungen, die Normen und Werte, die Haltungen der Welt gegenüber, das Lebensumfeld. Das sind alles Dinge, die im Verborgenen bleiben. Das Befremden oder auch die Angst vor dem Fremden entsteht dadurch, dass man von der oberen Spitze – durch etwaige Erfahrungen, die man als Behandler gemacht hat – vermeintliche Rückschlüsse auf die untere Seite des Eisberges zieht und denkt: Ich kann ihn, seine Haltungen und Überzeugungen nicht verstehen. So kommt es dazu, dass Migranten nicht gerne versorgt werden.

Welche Ergebnisse aus der Hirnforschung fließen in die transkulturelle,
achtsame Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund ein?

Gerald Hüther spricht von einem Setting, in dem gutes Lernen stattfinden kann. Man muss ein gutes Betriebsklima und eine gute Atmosphäre schaffen, dieses Empfinden ist im Gehirn zentral in den Regionen des Hippocampus und der Amygdala gesteuert. Wenn ich als Behandler derartig vermeidend keine guten Erfahrungen mache, dann kann in diesem Setting
keine gute Lernerfahrung abgespeichert werden.

Wie könnte man das positiver formulieren?
Neugierde ist hilfreich. Wenn wir als Psychologen und Psychotherapeuten neugierig fragen und wenn wir den Blick auf die untere Seite des Eisbergs wenden sowie gemeinsam mit dem Patienten seine Haltungen und Überzeugungen erarbeiten, dann kann ich ihn auch besser verstehen und ihm besser helfen. Es ist nicht immer das Verstehen durch die Sprache. Wenn ich im interkulturellen Kontext ohne die Angst, ins Fettnäpfchen zu treten, mehr über die Lebenswelten des Patienten erfahre, dann kann ich kreative, stärkende Erfahrungen bei der Arbeit mit dem Fremden machen.

Braucht es Dolmetscher und/oder muttersprachliche Therapeuten?

Wir wissen ja, dass nur rund 20 Prozent der verbalen Sprache eine Botschaft transportieren. Die nonverbale Kommunikation kann ich auch noch lesen. Sprache kann man mit Hilfe von für die Psychotherapie qualifizierten Dolmetschern gut überbrücken. Wenn ich mir gestatte, auf das Deutsch des Patienten einzugehen, auf einem anderen Sprachniveau mit einem Patienten spreche, dann signalisiere ich ihm: Ich interessiere mich für dich, und so kann ich das das Klima schaffen, dass wir uns im interkulturellem Raum wertungs- und wertefrei treffen. Für mich und für den Patienten ermöglicht das neue Erfahrungen, wie das eigentlich jede Therapieschule fordert. Deshalb braucht es keine spezielle Therapie für Migranten.

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