Pflege am Ende?!

Interview mit Gerlinde Dingerkus

Gerlinde Dingerkus, Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin, Supervisorin und Psychoonkologin, ist seit 1998 Leiterin einer der beiden Ansprechstellen im Land Nordrhein-Westfalen zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung (ALPHA). Die Aufgaben an dieser Stelle sind vielfältig: Unter vielem anderen berät sie die in diesem Feld tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren Strukturen, unterstützt bei Fragen zu Förderung und Anerkennung, ist Ansprechpartnerin für Politik und Verwaltung und stellt ein Bindeglied zwischen dem Land und der Praxis dar. Darüber hinaus führt sie Projekte zu vielen angrenzenden Bereichen durch (z.B. zu Sterben und Tod in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung oder zu Fehl- und Totgeburten). Sie beantwortete Alenka Tschischka gerne Fragen zu Nöten und Bedarfen am Lebensende.

Der Umgang mit Tod und Sterben ist tabuisiert. Sie beraten auch Betroffene, aber vor allem Mitarbeitende. Welche großen Themen müssten Ihrer Meinung nach enttabuisiert werden?
Wir sind in Deutschland – dank der Hospizbewegung – bereits seit den 1980er-Jahren auf einem guten Weg. Gesellschaftlich ist viel geschehen, und auch politisch ist einiges auf den Weg gebracht worden. Ich glaube, dass in diesem Zusammenhang auch das Tabu nicht mehr so groß ist: Es wird mehr über Sterben und Tod gesprochen. Ein weiteres Phänomen ist die sich verändernde Vielfalt der Bestattungsrituale. Auch erleben wir bei den Trauerbegleitungsangeboten einen sehr großen Zulauf. Jedoch bin ich auch der Überzeugung, dass die mit Sterben und Tod verbundene Angst etwas Grundsätzliches ist, was nicht (nur) durch gesellschaftliche Bewegungen verändert werden kann, sondern eher individueller Bearbeitung bedarf. Dass diejenigen, die in der Hospizarbeit tätig sind, diese Arbeit auch als Schule für das Leben betrachten und einen angstfreieren Umgang mit Tod und Sterben haben, sollte vielleicht noch deutlicher in die Öffentlichkeit transportiert werden.

Was ist wichtig für die Angehörigen?
Die Angehörigen von Schwerstkranken und Sterbenden brauchen Entlastung, Unterstützung und Stärkung. Gerade die Familienmitglieder, die einen sterbenden Angehörigen versorgen, kommen oftmals an ihre Grenzen. Sie sind erschöpft und entkräftet und merken dann oft sehr spät, dass sie Hilfe benötigen. In solchen Situationen ist es wichtig, dass sie die richtigen Ansprechpartner finden. Hier sind sicherlich die Koordinatoren von
Hospizdiensten besonders geeignet.

Wie sieht die ideale Versorgung auch in puncto Palliativstationen oder Hospize aus? Wo ist das bereits realisiert?
In vielen Bundesländern gibt es ein ausreichendes Angebot an Hospizen und Palliativstationen. Diese beiden Arten von Einrichtungen arbeiten ja mit einem unterschiedlichen Auftrag: Hospize sind solitäre Einrichtungen
mit bis zu zwölf Betten. Hierher kommen Schwerstkranke beziehungsweise Sterbende für die letzten Lebenstage, wenn sie zu Haus nicht mehr versorgt werden können. Auch Angehörige sind hier willkommen. Die Palliativstationen hingegen sind Einheiten in einem Akutkrankenhaus, in denen terminal erkrankte Patienten versorgt werden, die einer Krankenhausbehandlung bedürfen. Ziel ist es, ihre Situation zu verbessern
oder zu stabilisieren und sie im Idealfall wieder nach Hause zu entlassen. Wenn wir jedoch berücksichtigen, dass rund zwei Drittel aller Deutschen gern zu Hause sterben möchten, so sollte der Blick deutlicher auf die ambulante Versorgung gerichtet werden. Hier sind zum einen die Hospizdienste als wichtige Ansprechpartner zu betrachten.

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