Psychologie vs. Psychotherapie

Ein Kommentar zum Beschluss des 25. Deutschen Psychotherapeutentages

Der 25. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat eine wegweisende Entscheidung zur Psychotherapieausbildung getroffen und damit eine Kehrtwende in der bisherigen Reformpolitik durchgeführt. Mit diesem Beschluss werden sowohl die Beschlüsse des 16. DPT als auch die Empfehlungen der vom Bundesministerium für Gesundheit eingesetzten Forschergruppe um Prof. Bernhardt Strauß revidiert. Bis dato galt es, eine postgraduale Ausbildungsstruktur und damit auch die bisherigen Zugangsmöglichkeiten über die Psychologie, Pädagogik und Sozialpädagogik zur Ausbildung zum Psychotherapeuten zu erhalten.
Mit dem neuen Beschluss hat der Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) nun das Mandat, seine Aktivität in Richtung einer Direktausbildung zu lenken und mit den politischen Akteuren Gespräche aufzunehmen. Die Atmosphäre zu diesem Thema war trotz unvereinbarer Positionen in dieser Frage sachlich und relativ konstruktiv. Und so bleibt zu hoffen, dass der Vorstand der BPtK es auch schafft, die Skeptiker auf dem Weg zu einer breit getragenen Lösung mitzunehmen. Begründete Bedenken und Skepsis gibt es weiterhin, da es noch in keiner Weise klar ist, wie die Direktausbildung umgesetzt werden kann oder was wer darunter versteht. Im BDP ist kurz danach auf der Delegiertenkonferenz kontrovers darüber diskutiert und eine Arbeitsgruppe Psychotherapeutengesetz (siehe auch S. 24) eingesetzt worden. Hätte man bei der Abstimmung auch jene Vertreter gefragt, die zwar von einer solchen Reform betroffen sein werden, aber nicht im DPT repräsentiert sind –
zum Beispiel Wirtschaftspsychologen, Schulpsychologen, Rechtspsychologen, nicht approbierte Psychologen im Gesundheitswesen sowie Pädagogen und Sozialpädagogen –, so wäre die Entscheidung sicherlich anders ausgefallen. Denn eine Umgestaltung der psychologischen
Studiengänge würde auch die Identität und Aufgaben dieser Kolleginnen und Kollegen beeinflussen. Insbesondere auf das trotz Bologna weiterhin
sehr breit aufgestellte Fach Psychologie könnten deutliche Einschnitte zukommen. Zwar würde eine Approbationsordnung für einen Studiengang wieder zu einem einheitlichen Abschluss führen und so eventuell den Bologna-Prozess ein Stück weit rückgängig machen, dieser Studiengang würde jedoch »Psychotherapie« heißen und mit der Approbation enden. Für ihn müssten mehr Ressourcen im Bereich der Psychotherapie bereitgestellt werden – eventuell auf Kosten der anderen Fachvertreter. Und so bleibt
unklar, wie sich Bachelor- und Masterstudiengänge im Fach Psychologie gegenüber diesem Approbationsstudiengang in Psychotherapie behaupten können. Interessanterweise hat bisher vor allem die Deutsche Gesellschaft für Psychologie ein ausführliches Konzept einer Direktausbildung eingebracht. Dies beinhaltet insbesondere die Parallelstruktur von Approbationsabschluss und Master- oder zumindest Bachelorabschluss. Aber genau hier wird auch das Dilemma der Profession der Psychologischen Psychotherapeuten deutlich: Erfolgt eine weitreichende strukturelle Anpassung an das Medizinstudium, so wird am Ende tatsächlich ein eigenständiges Psychotherapiestudium mit weniger Inhalten in den Grundlagenfächern der Psychologie und der Methodenlehre übrig bleiben, das wesentlich mehr Praxisanteile/Famulaturen und sogar eventuell eine Zwischenprüfung analog zum Physikum vorsieht. Neben den praktischen Anteilen müsste auch ausreichend Zeit für alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren eingeplant werde. Bei Beibehaltung eines fünfjährigen Studiums würde dies nur auf Kosten der Grundlagenfächer oder weiterer Anwendungsfächer geschehen, womit zumindest eine teilweise Trennung zwischen der Psychologie und der Psychotherapie vollzogen wäre. Bleibt jedoch eine Doppelstruktur von Bachelor- und Masterstudiengängen erhalten, ergänzt durch eine
Approbationsprüfung als Abschluss, so wird gerade keine strukturelle Gleichstellung mit dem Staatsexamensstudiengang Humanmedizin erreicht. Ob dann dennoch eine tarifliche Gleichstellung mit den ärztlichen Kollegen möglich ist, bleibt fraglich. Diese Frage (neben zahlreichen anderen Fragen) trifft die Identität vieler psychologischer und psychotherapeutischer Kollegen und wird auch für die BPtK nicht einfach zu beantworten sein. Dabei wird die Entscheidung für eine dieser beiden Varianten auch zahlreiche Konsequenzen nach sich ziehen, zum Beispiel beim Einfluss auf die tarifliche Eingruppierung. So würde es zukünftig vier Berufsniveaus geben: Bachelor der Psychologie, Psychologen mit Masterabschluss, Psychotherapeuten ohne Fachkunde, Psychotherapeuten mit Fachkunde. Würden in dieser Situation Psychologen und Psychotherapeuten ohne Fachkunde tarifrechtlich gleich eingruppiert werden? Können und dürfen dann Psychologen ohne Approbation noch im gesundheitsnahen Arbeitsfeldern arbeiten? Wegfallen würde hingegen der bisher eigenständige Beruf des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (und damit auch der Zugang über pädagogische und sozialpädagogische Studiengänge).
Der BDP hatte sich insbesondere aufgrund dieser Bedenken zum Fach der Psychologie bisher sehr skeptisch gegenüber einer Direktausbildung positioniert und daher postwendend eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die den Verbandsvorstand darin unterstützen soll, die eigenen kürzlich verabschiedeten Eckpunkte zu einer postgradualen Ausbildungsreform offensiv gegenüber der Politik zu vertreten. So werden uns der Beschluss des 25. DPT und die damit verbundenen Änderungen und Diskussionen sicherlich auch noch in den nächsten Jahren beschäftigen. Letztlich bleibt aber zumindest zu hoffen, dass der Beschluss einen Impuls zur Veränderung gibt. So, wie es ist, kann es auch nicht bleiben! Denn die Ursache der Debatte um die Reform liegt in den seit Jahren
unhaltbaren Bedingungen während der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Dies ist das eigentliche Problem, das dringend behobenwerden muss! Denn eine umfassende Reform der Psychotherapieausbildung zu einem Direktstudium wird sicherlich noch einige Jahre dauern, bis sie umgesetzt ist.

Robin Siegel

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