Musik als Verstärker

Interview mit Prof. Dr. Stefan Koelsch

Prof. Dr. Stefan Koelsch ist Diplom-Psychologe, Neurowissenschaftler, Soziologe und Musiker. Er forscht am Cluster »Languages of Emotion « in Berlin über die neurowissenschaftlichen Grundlagen der Musikverarbeitung. Dabei sieht er sich in der Magnetresonanztomografie und Elektroenzephalografie die Wirkung von musikalischen Stimuli im Gehirn seiner Probanden an. Alenka Tschischka beantwortete er Fragen zu den Themen Stimme, Singen und Musik.

Die Stimme wird manchmal als Spiegel der Seele dargestellt. Ist sie das?

Spiegel der Seele ist vielleicht nicht so richtig, weil wir nicht wissen, was wir mit Seele meinen. Spiegel der Emotionen trifft es genauer. Auch die Stimmung und die affektive Persönlichkeit schwingen mit. Eine der Aufgaben der Stimme ist ja auch, Emotionen zu transportieren, ob wir es wollen oder nicht. Eine vegetative Innervierung des Sprechapparates trägt dann dazu bei, dass Emotionen die Stimme färben.

Wie geschieht die Wahrnehmung von Prosodie, und wie wirkt sich die Stimmmelodie auf Emotionen aus?

Ich erforsche Musik als einen globaleren Kanal akustisch- affektiver Kommunikation. Westliche Musik fungiert vor allem als eine Art hyperexpressive Stimme. Musik kann Emotionen stärker ausdrücken als eine Stimme. Beispielsweise wird eine fröhliche oder eine traurige Stimme durch prosodische Merkmale charakterisiert: eine fröhliche Stimme durch viel Energie und höhere Pitch-Variationen; eine traurige ist langsamer und hat weniger Energie. In der westlichen Musik ist das ähnlich, aber solche Parameter sind dabei verstärkt. Wenn wir so etwas wahrnehmen, passieren meist zwei Dinge: Wir nehmen Töne automatisch wahr und kategorisieren sie auch automatisch als fröhliches oder trauriges Signal, und außerdem kann es passieren, dass wir fröhlich oder traurig darauf reagieren. Viele Menschen benutzen ja Musik, weil sie emotional aktiviert oder Gefühle verstärkt. Musik hilft einem dann, sich emotional zu regulieren oder in bestimmte Stimmungen zu bringen. Musik erzeugt Lebensqualität, wenn Sie so wollen.

Wie ist das, wenn man singt?

Es gibt wenige Studien, die das »Selbst-Musik-Machen« mit dem »Nur-Musik-Hören« verglichen haben. Eine These, die ich vorgeschlagen habe, ist, dass Musik etwas ist, das Menschen ursprünglich gemeinschaftlich praktiziert haben. Also: Musik ist etwas, was in der Spezies Mensch soziale Funktionen stimuliert hat: Sozialer Kontakt, emotionale Ansteckung, Kommunikation zwischen den Individuen, Koordination von Bewegungen, Kooperation beim Musizieren entstehen und stärken die soziale Kohäsion. Zudem ruft Musik auch durch dieses Gemeinschaftserlebnis positive Emotionen hervor. Gemeinschaftliches Kommunizieren kann Spaß sowie Freude hervorrufen und im besten Fall auch glücklich machen. Und deswegen liegt die Vermutung nahe, dass die Teilhabe am Musizieren stärkere Emotionen hervorruft als das Zuhören.

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