Grundlagen und Praxis der ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Sexualstraftätern

Die psychotherapeutische Versorgung von Sexualstraftätern in Deutschland hat im Unterschied zur Behandlung typischer psychischer Störungen wie Depressionen, Angst, Ess- oder psychosomatischer Störungen keine lange Tradition – und bisher auch keine breite Anerkennung in der Gesellschaft. Das mag zum Teil daran liegen, dass es sich hierbei nicht um ein spezifisches Störungsbild handelt, sondern unter dieser Kategorie teilweise völlig unterschiedlich strukturierte Personen mit unterschiedlichen Problemen, Bedürfnissen und psychologischen Mechanismen zusammengefasst werden, deren einzige Gemeinsamkeit – so man denn danach trachtet, eine solche aus noch näher darzulegenden Gründen festzustellen – darin besteht, dass sie nach dem deutschen Strafgesetzbuch wegen einer sogenannten Sexualstraftat verurteilt worden sind. Dabei handelt es sich mitnichten um in Stein gemeißelte Normverstöße mit entsprechenden Sanktionierungen; vielmehr unterliegen sie, wie alles Normative, einem zwar langsamen, gleichwohl steten gesellschaftlichen Wandel, wie alleine mit Blick auf die noch bis 1994 strafbewehrte Homosexualität oder auch die erst 1997 als Straftatbestand formulierte Vergewaltigung in der Ehe deutlich wird.

Mit Blick auf die aktuell gültigen Straftatbestände in Deutschland wird schnell deutlich, welche heterogenen Phänomene unter dem Begriff »Sexualstraftaten« zusammengefasst werden. Da fallen Männer, die zum Zwecke der sexuellen Erregung absichtlich in der Öffentlichkeit ihr Genital zeigen oder im Verborgenen danach trachten, die Intimität – Geschlechtsverkehr oder einfach nur Nacktheit anderer Menschen zu beobachten, vielleicht auch dabei masturbieren, ebenso darunter wie Männer, die eine wildfremde Frau oder ihre eigene langjährige Partnerin vergewaltigen, wie auch Männer (selten Paare, sehr selten Frauen ohne männlichen Kompagnon), die sexuelle Handlungen an, mit oder vor Kindern vornehmen, sowie Personen, die ihnen anvertraute Minderjährige zu sexuellen Handlungen veranlassen möchten oder sich wider besseren Wissens auf sexuelle Kontakte mit ihnen einlassen, oder auch Gruppen Jugendlicher, die sich geplant oder impulsiv ein gleichaltriges Mädchen schnappen und es zur Erduldung sexueller Handlungen nötigen.

In den letzten Jahren werden zunehmend auch Personen – fast ausschließlich männlichen Geschlechts – darunter gefasst, die erhebliche Zeit damit verbringen, sich illegale (Kinder-, Gewalt-, Tier-) Pornografie aus dem Internet zu laden, zu kategorisieren und gegebenenfalls damit Tauschhandel zu betreiben – oft in einer an Süchtigkeit erinnernden Intensität, sodass sie kaum mehr dazu kommen, das ganze Material überhaupt zu sichten.

In manchen, aber längst nicht allen Fällen liegen diesen Handlungen Probleme im Erleben und Verhalten zugrunde, die sich als psychische Störungen klassifizieren lassen, zum Beispiel als Pädophilie, Exhibitionismus, Sadomasochismus, Voyeurismus, Fetischismus oder eine andere im ICD-10 so genannte Störung der sexuellen Präferenz. Aber Achtung: Diese klinische Kategorisierung beinhaltet ätiologisch und phänomenologisch völlig unterschiedliche Phänomene, und eine Vielzahl von Personen, die Sexualdelikte begehen, »leidet« nicht gerade an einer psychischen Störung. Selbst wenn sich eine solche diagnostizieren lässt, wird dies gerade in dieser Diagnosegruppe oft nicht als das Kernproblem empfunden, sondern der Leidensdruck resultiert mehr aus den negativen Konsequenzen der strafbaren Handlungen.

Damit ist ein weiteres wichtiges Problem angesprochen: Menschen, die mit bestimmten sexuellen Handlungen gegen das Gesetz verstoßen, sind für die meisten niedergelassenen psychologischen Psychotherapeuten (hier wie im Folgenden sind jeweils männliche und weibliche Personen gemeint) nicht eben die bevorzugte Patientengruppe – eher das Gegenteil ist der Fall, und das liegt zu einem großen Teil daran, dass Sexualstraftäter, im Unterschied zu »konventionellen« Psychotherapiepatienten, nicht gerade erpicht auf eine psychotherapeutische Behandlung sind, dieser (und dem Therapeuten) oft sogar zuerst ablehnend gegenüberstehen. Schlimm genug (aus Tätersicht), dass sie durch ein Strafverfahren in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sind, was als sehr schamhaft und neben der rechtlichen Konsequenz als zusätzliche Strafe empfunden wird, da soziale Netze (die in vielen Fällen schon zuvor wenig stützend, aber immerhin existent waren) wegfallen und Täter sich danach in einer subjektiv kaum auszuhaltenden sozialen Isolation wiederfinden.

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Prof. Dr. phil. Niels C. Habermann, Professor an der SRH Hochschule Heidelberg für den Masterstudiengang Rechtspsychologie

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