Der Trend »Achtsamkeit und Meditation«

Interview mit Professor Dr. Johannes Michalak

Dr. Johannes Michalak leitet seit 2014 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Er forscht zu achtsamkeitsbasierten Therapien. Mit Alenka Tschischka sprach er über den Einfluss von Achtsamkeit beim therapeutischen Angebot, über Meditationslehrer und darüber, warum Meditation oder Achtsamkeit für (viele, aber nicht für alle) Menschen hilfreich sein kann.

Warum ist es eigentlich nicht wünschenswert, dass die Gedanken abdriften?

Bei Menschen mit depressivem Störungsbild oder einer Angsterkrankung kann es sein, dass sie dadurch in eine ungünstige Gedanken- oder Grübelspirale kommen. Das fördert wiederum ihre psychische Erkrankung. Dann kann man sagen, im Hier und Jetzt sind wir wirklich lebendig. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft hat noch nicht angefangen. Der einzige Moment, in dem wir wirklich lebendig sind und bewusste Entscheidungen treffen können, ist die Gegenwart. Durch abdriftende Gedanken verlieren wir den Kontakt zur Gegenwart. Empirische Daten zeigen, dass Personen, die zu Gedankenwandern neigen, unglücklicher sind. Selbst wenn ich an etwas Positives denke, ist das nicht besser, als wenn ich im Hier und Jetzt bin. Ich finde es aber problematisch, mit der Forderung nach dem Sein im Hier und Jetzt einen moralischen Imperativ zu verbinden. Ich würde das eher als Einladung sehen, eigene Erfahrungen damit zu machen und abseits der Studienlage zu fragen: Tut mir das gut?

Was würden Sie als einen Meilenstein in der – nennen wir es mal – Achtsamkeitsbewegung bezeichnen?

Da möchte ich erst einmal den Mut der Personen nennen, die es gewagt haben, etwas scheinbar Esoterisches wie Achtsamkeit und Meditation in neue Therapieverfahren einfließen zu lassen. Und dann zweitens auch den Anspruch zu formulieren, sich nicht nur auf die eigene Intuition zu verlassen, sondern ihre Interventionen und Therapien empirisch zu überprüfen. Ein weiterer Meilenstein ist, dass in den vergangenen Jahren so viele Studien durchgeführt und veröffentlicht wurden, dass man mittlerweile über unterschiedliche Studien hinweg in Metaanalysen generalisierbare Aussagen zur klinischen Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Ansätze machen kann.

Welchen Einfluss haben oder hatten Hermann Hesse, Erich Fromm oder die Beatles?

Ob es direkte Zusammenhänge gibt, weiß ich nicht. Aber ohne die gesellschaftliche Offenheit, die Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat, gefördert durch Gelehrte, die sich mit asiatischen, buddhistischen Sichtweisen beschäftigt haben und diese Ideen verbreiteten, dass so etwas wie Meditation das Leben bereichern kann, wäre auch die heutige Integration von Achtsamkeit in die Behandlung von psychisch Erkrankten nicht möglich gewesen. Intellektuelle und Menschen, die sich auch auf intensive Erfahrungen eingelassen haben, wie auch inspirierte Künstler, haben den Weg bereitet, dass Meditation und Achtsamkeit mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Mittlerweile gibt es ja sogar Werbeplakate mit Meditierenden, wie immer man das beurteilen möchte.

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