Psychopathen

Interview mit Dr. Martin Rettenberger

Dr. Martin Rettenberger, Fachpsychologe für Rechtspsychologie (BDP/DGPs), studierte Psychologie (Dipl.-Psych.) und Kriminologie (M.A.) in Regensburg, Berlin und Hamburg und promovierte (Dr. biol. hum.) an der Universität Ulm zum Thema »Kriminalprognose«. Nach den beruflichen Stationen Wien (Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter im österreichischen Strafvollzugssystem) und Hamburg (Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) war er zwischen 2013 und 2015 als Juniorprofessor für forensische Psychologie am psychologischen Institut der Johannes- Gutenberg-Universität Mainz (JGU) tätig. Seit März 2015 ist er Direktor der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden.

Wie ist ein Psychopath definiert?

Der Begriff Psychopathie weist eine lange und von intensiven Diskussionen begleitete klinische und wissenschaftliche Tradition auf, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Zu dieser Zeit beschrieb der französische Psychiater Philippe Pinel (1745–1826) erstmals das Krankheitsbild der »Manie sans Délire« (wörtlich: »Irresein ohne Wahn«). Die heute gültigen modernen Psychopathiekonstrukte beziehen sich in aller Regel auf die Arbeiten des US-amerikanischen Psychiaters Hervey M. Cleckley (1903–1984) und dessen bis heute einflussreiche Monografie »Mask of Sanity« sowie insbesondere auf die revidierte Version der »Psychopathy Checklist« (PCL-R) des kanadischen Psychologen Robert D. Hare (*1934). Demgemäß beschreibt man Psychopathie als eine Konstellation von Persönlichkeitseigenschaften, die u.a. durch oberflächlichen Charme, Unehrlichkeit, Egozentrik, Manipulation, Risikofreudigkeit, Mangel an Empathie und Schuldgefühlen und antisoziales Verhalten charakterisiert ist.

Ist jeder, der sich rücksichtslos verhält, ein Psychopath?

Definitiv nicht, sonst wären wir wahrscheinlich eine Gesellschaft voller Psychopathen. Rücksichtsloses, aber auch aggressives, impulsives oder manipulatives Verhalten ist ein fester Bestandteil des menschlichen Verhaltensrepertoires, das in gewissen Situationen sogar sinnvoll und notwendig sein kann. Man denke nur an Gefahrensituationen, in denen man ein gewisses Maß an aggressivem und eben auch gegebenenfalls rücksichtslosem Verhalten zeigen muss, um Schaden oder Gefahren von sich abzuwenden. Wenn also rücksichtsloses und aggressives Verhalten primär aufgrund der situativen Gegebenheiten erklärt werden kann, würde es sich definitionsgemäß nicht um Psychopathie handeln. Erst wenn Rücksichtslosigkeit weitgehend unabhängig von der jeweiligen Situation in vielen Lebensbereichen regelmäßig eine dominierende Persönlichkeitseigenschaft ist, wäre es ein diagnostischer Indikator für Psychopathie.

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