Klinisch-psychologische und verhaltenstherapeutische Behandlung von Zwangsstörungen

Psychologie in Österreich

Zusammenfassung

Die Zwangsstörung äußert sich in Form von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Sie ist die vierthäufigste psychiatrische Erkrankung, unbehandelt nimmt sie einen chronischen Verlauf. Die Verhaltenstherapie gilt als Psychotherapie der Wahl, sowohl hinsichtlich einer Symptomtherapie als auch hinsichtlich einer Ursachentherapie. Als wirksames therapeutisches Verfahren hat sich Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung und Reaktionsmanagement herausgestellt. Eine Behandlung ist ambulant oder stationär, im Einzel- oder im Gruppensetting möglich. Eine zusätzliche Pharmakotherapie sollte im Einzelfall überlegt werden.

1. Phänomenologie

Eine Zwangsstörung äußert sich in Form von Zwangsgedanken (»obsessions«) und/oder Zwangshandlungen (»compulsions«), bei den meisten Patientinnen und Patienten ist beides vorhanden. Zwangshandlungen sind ritualisierte Gedanken- und Handlungsketten. Es handelt sich um exzessive Wiederholungen alltäglicher Verhaltensweisen, die nach bestimmten Regeln oder stereotyp ausgeführt werden. Sie dienen meist dazu, Unbehagen zu vermindern oder antizipierte katastrophale Konsequenzen, bedrohliche Ereignisse oder Situationen abzuwehren. Die Handlung steht in keiner realistischen Beziehung zu dem, was sie bewirken oder verhindern soll, beziehungsweise ist eindeutig übertrieben. Am häufigsten sind Kontrollzwänge, Wasch- beziehungsweise Putzzwänge, seltener zwanghaftes Nachfragen, Ordnungszwänge, Zählzwänge und Sammel- oder Hortzwänge. Zwangsgedanken sind störend, ungewollt und sinnlos erlebte Gedanken oder Impulse, die wiederholt und länger andauernd in den Sinn kommen. Der Inhalt eines Zwangsgedankens besitzt häufig einen rationalen Kern (z.B. der Gedanke, ob die Tür zugesperrt wurde), das Ausmaß ist allerdings übertrieben und geht mit einer Beeinträchtigung im Alltag einher. Aggressive, religiöse und/oder sexuelle Inhalte können ebenso im Vordergrund stehen wie Verschmutzung, körperliche Gesundheit, Ordnung oder Symmetrie. Innerhalb der Zwangsgedanken können zwanghafte Zweifel (z.B. »Habe ich jemanden verletzt, als ich nach Hause gefahren bin?”), zwanghafte Impulse (z.B. Fluchen in der Kirche) und zwanghafte Vorstellungen beziehungsweise Bilder (z.B. Horrorbilder zu Katastrophen) unterschieden werden. Eine sehr seltene Form stellt die sogenannte »primäre zwanghafte Langsamkeit« dar, die sich dadurch auszeichnet, dass alltägliche Handlungen extrem bedächtig und langsam ausgeführt werden müssen.

2. Diagnostik und Differenzialdiagnostik

An Fragen in Richtung einer Zwangsstörung wird man immer dann denken, wenn Patienten übertrieben nach Rückversicherung suchen, wenn sie sich unüblich intensiv mit Reinlichkeit oder Sicherheit beschäftigen, wenn sie übertriebene Befürchtungen bezüglich körperlicher Erkrankungen äußern, wenn sie darüber klagen, dass sie mit ihrer Arbeit beziehungsweise Haushaltstätigkeiten nicht fertigwerden, wenn sie öfters zu Terminen zu spät kommen oder wenn die Haut an den Händen gereizt ist. Wenn der Patient beziehungsweise die Patientin über Angstzustände oder Depressionen berichtet, sollte man immer auch nach Zwangssymptomen fragen. Zwangsgedanken, Zwangshandlungen, aber auch eine Mischung aus beiden können im Rahmen anderer psychiatrischer Erkrankungen oder als akzessorische Symptomatik bei hirnorganischen oder hirnbeteiligten Erkrankungen vorkommen. Aus therapeutischen Gründen ist es bedeutsam, die reine Zwangsstörung von Zwangssymptomen differenzialdiagnostisch abzugrenzen. Trotz der Namensähnlichkeit lässt sich die Zwangsstörung üblicherweise von der zwanghaften Persönlichkeitsstörung (DSM-5, APA, 2015) beziehungsweise anankastischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10, WHO, 1993) aufgrund des Vorliegens von umschriebenen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken unterscheiden.

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Mag. Dr. Ulrike Demal Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie), Vorstandsmitglied und Lehrtherapeutin der Österreichischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (ÖGVT); Tätigkeit: Verhaltenstherapie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Verhaltenstherapeutische Station 05B) und in freier Praxis, Lehr- und Vortragstätigkeit.

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