Diagnostik von Hochbegabungen

Wie sie erfasst und von psychischen Auffälligkeiten unterschieden werden können

Stimmt es, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche introvertierter, emotional weniger stabil und sozial weniger verträglich sind als ihre durchschnittlich begabten Altersgenossen? Ein solches Bild von Hochbegabungen scheinen zumindest viele Lehrpersonen zu haben (Baudson & Preckel, 2013). Die Forschung zeigt allerdings, dass Hochbegabte nicht mehr und nicht weniger verhaltensauffällig als durchschnittlich begabte Kinder und Jugendliche sind (Rost & Czeschlik, 1994; Rost & Hanses, 1994). Wenn allerdings eine Kombination von intellektueller Hochbegabung und psychischer Auffälligkeit vorliegt, wird diese oft nicht oder erst sehr spät erkannt, was fatale Folgen unter anderem für den Selbstwert der Kinder und Jugendlichen haben kann.

Im Folgenden soll geschildert werden, was bei der Diagnostik von Hochbegabungen zu beachten ist. Im Anschluss wird darauf eingegangen, wie Merkmale zum Beispiel einer Unterforderung von psychischen Auffälligkeiten unterschieden werden können. In der Bevölkerung, unter anderem unter den Lehrkräften (Baudson & Preckel, 2013), ist das Bild des verhaltensauffälligen Hochbegabten noch immer weit verbreitet, obwohl die Forschung gezeigt hat, dass Hochbegabte nicht verhaltensauffälliger sind als durchschnittlich Begabte (u.a. Rost & Czeschlik, 1994). Dennoch gibt es vielfältige Beratungsanliegen, wenn sich Menschen in Zusammenhang mit einer vermuteten Hochbegabung an eine Beratungsstelle wenden, wie anhand des folgenden Fallbeispiels sukzessiv verdeutlicht wird.

Joel ist zum Zeitpunkt der ersten Vorstellung im Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) an der Universität Basel acht Jahre alt. Die Eltern berichten, Joel sei schon früh durch seinen großen Wortschatz aufgefallen. Er habe mit vier Jahren ohne nennenswerte Unterstützung lesen gelernt. Nach anfänglicher Euphorie in der ersten Klasse sei er allerdings durch störendes Verhalten und Unaufmerksamkeit aufgefallen. Die Eltern fragen sich, ob ihr Kind hochbegabt und daher im Unterricht unterfordert sein könnte.

Dr. Letizia Gauck
Seit 2013 leitet Letizia Gauck das Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) der Uni Basel. Parallel zu ihrer Doktorarbeit über Verhaltensauffälligkeiten bei Hochbegabten absolvierte sie eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie). Sie arbeitete zunächst an der Begabungs - psychologischen Beratungsstelle der Universität München.


Dr. Giselle Reimann
Dr. phil. Giselle Reimann hat als Entwicklungspsychologin promoviert und arbeitet am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) der Universität Basel. Sie ist Co-Autorin der »Intelligence and Development Scales – Preschool (IDS-P)«.


[…]

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe von report psychologie.

Report Psychologie Juli/August 2015 bestellen

Zurück