Begabtenförderung in der Schule

1. Identifikation von begabten Kindern und Jugendlichen

Spezifische Begabtenförderung meint die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, die als besonders begabt identifiziert wurden. Entsprechend der Mehrdimensionalität des Leistungsbegriffes geht es neben der Förderung der intellektuellen Begabung auch um die Förderung der musischen oder sportlichen Fähigkeiten. Im kognitiven Bereich liefert der Intelligenzquotient (IQ) die genaueste verfügbare Definitionsmöglichkeit von besonderer Begabung, damit verbundene Klassifikationskriterien (wie ein Mindest-IQ von 130) sind jedoch willkürlich gesetzt und richten sich zudem allein auf die Denkfähigkeit, die per se noch keine besonderen Leistungen hervorbringt. Erst weitere Merkmale wie zum Beispiel »Arbeitshaltung« und »Motivation« bestimmen die Umsetzung von kognitiver Begabung in Leistung. Begabung wird daher im Folgenden im Sinne eines Potenzials verstanden, das es zu entwickeln und zu fördern gilt und das nicht automatisch zu besonderer Leistung führt. Um Potenziale in Leistungen umsetzen zu können, sind ein frühzeitiges Erkennen und Begleiten durch Schule und Elternhaus Voraussetzung. Vornehmlich sind es Lehrkräfte, die das Potenzial der Schülerinnen und Schüler anhand der beobachteten Stärken und Interessen einschätzen. Für den Erfolg der schulischen Begabtenförderung spielt die Qualifizierung von Lehrkräften und deren Sensibilisierung für das Thema daher eine entscheidende Rolle.

Eine fundierte Begabungs- oder Hochbegabungsdiagnostik (siehe auch »report psychologie«, 7/8, S. 294) beinhaltet testpsychologische Untersuchungen und kann ausschließlich durch entsprechend qualifizierte Psychologen durchgeführt werden. Schulpsychologen sind in der Regel die geeignetsten Ansprechpartner, wenn es um eine (erste) psychodiagnostische Abklärung vor dem Hintergrund schulbezogener Fragestellungen geht. Ob Kinder und Jugendliche als besonders begabt identifiziert werden, ist von deren sozialer Herkunft und damit verbundener Förderung im Elternhaus nicht unabhängig. Schüler aus kulturell, sozial oder ökonomisch benachteiligten Familien werden weniger häufig als überdurchschnittlich begabt eingeschätzt und als solche erkannt. DieMechanismen der Verkopplung von Herkunft und Identifikation müssen künftig besser erkannt und es muss diesen entgegengewirkt werden, um das Potenzial von Kindern und Jugendlichen nicht privilegierter Bevölkerungsschichten nicht verkümmern zu lassen.

2. Begabtenförderung zwischen Segregation und Inklusion

Begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche benötigen individuelle Förderung. Inklusiv gedacht ist die Begabtenförderung Teil eines umfassenden Bildungsprozesses, bei dem die Unterscheidung zwischen Begabung und Hochbegabung insofern an Gewicht verliert, als dass eine allgemeine Begabungsförderung auf alle Schüler gerichtet sein sollte. Für eine differenzierte Förderung sind diagnostische und begriffliche Einordnungen dennoch nicht gänzlich verzichtbar, um Besonderheiten der Ausgangslage und adäquate Förderziele ausreichend definieren zu können.

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Dr. Isabel Trenk-Hinterberger ist Leiterin des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick.

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