Krisenprävention an Schulen

Umsetzung und Evaluation des Programms NETWASS

Zusammenfassung

School Shootings sind eine Form schwerer, zielgerichteter Schulgewalt und werden langfristig von Jugendlichen geplant, die sich in einer krisenhaften Entwicklung befinden. Das Programm »Networks Against School Shootings « (NETWASS) unterstützt Schulen beim Aufbau wirksamer Strukturen zur Krisenprävention und sensibilisiert Schulmitarbeiter für ein breites Spektrum jugendlicher Problemverhaltensweisen. Die Präventionsstruktur ermöglicht damit eine Früherkennung unspezifischer Schülerkrisen, die sich auf der Verhaltensebene äußern (u.a. durch Bullying, Suizidversuche, Schuldistanz) und deren Ausgang nicht absehbar ist.

NETWASS wurde 2009 entwickelt und an 108 Schulen in Deutschland im Rahmen einer durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Evaluationsstudie erfolgreich umgesetzt. Die Programmimplementierung wurde über einen Zeitraum von sieben Monaten wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Wirkungsevaluation zeigt, dass Schulmitarbeiter, die am Programm teilgenommen haben, ein genaueres Wissen über Schulgewalt sowie verbesserte Kompetenzen in der Einschätzung von Amokdrohungen und Warnverhalten haben. Zudem stiegen das Vertrauen in Schulverantwortliche und die Klarheit über schulische Strukturen zur Fallbearbeitung. Darüber hinaus lässt sich ein verbessertes Schulklima ermitteln.

1. Theoretischer Hintergrund

Bei School Shootings handelt es sich nicht um affektgesteuerte Taten, sondern um schwere, zielgerichtete Schulgewalt, die langfristig geplant und vorbereitet wurde. Sowohl bei den untersuchten deutschen Fällen als auch im internationalen Vergleich zeigt sich retrospektiv, dass sich die Täter in einer mitunter jahrelangen krisenhaften Entwicklung befanden und oftmals im Vorfeld Warnverhalten zeigten (zusammenfassend Scheithauer & Bondü, 2011). School Shootings sind als extremste Form schwerer, zielgerichteter Schulgewalt zu sehen und schließen alle Taten ein, in denen potenziell tödliche Waffen (z.B. auch Klingenwaffen) verwendet und gezielt der Tatort Schule beziehungsweise ein damit assoziierter Opferkreis ausgewählt werden.

1.1. Erkenntnisse über die Täter

Eine Reihe von Faktoren, die eine Entwicklung hin zu einem School Shooting begünstigen können, wurde anhand retrospektiver Fallanalysen identifiziert (zusammenfassender Überblick in Scheithauer & Bondü, 2011; Scheithauer, Leuschner & NETWASS Research Group, 2015; Sommer, Leuschner & Scheithauer, 2014):

  • häufig Beziehungs- und Bindungsprobleme, Überlastung der Eltern und emotionale Vernachlässigung, zum Teil auch der Verlust wichtiger Bezugspersonen (durch Trennung oder Tod) in zeitlicher Nähe zur Tat;
  • im Peer-Kontext das Fehlen funktionaler unterstützender Beziehungen zu Gleichaltrigen; die Täter erlebten sich zudem oft als Opfer von Bullying und sozialem Ausschluss, berichteten von einem Unrechtserleben in der Beziehung zu Lehrern, litten an fehlender Anerkennung im schulischen Kontext und standen zusätzlich unter Leistungsdruck.


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Nora Fiedler ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit März 2011 im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin bildete sie Schulmitarbeiter im NETWASS-Krisenpräventionsverfahren fort.

Friederike Sommer ist Diplom-Psychologin und war drei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt NETWASS beschäftigt. Derzeit arbeitet sie im Anschlussprojekt TARGET, dessen Fokus auf der Grundlagenforschung schwerer, zielgerichteter Gewalttaten von Jugendlichen liegt.

Prof. Dr. Vincenz Leuschner ist Sozialwissenschaftler und Professor für soziale Arbeit und Sozialpädagogik an der Hochschule für angewandte Pädagogik in Berlin. Er war zuvor als Projektkoordinator für das NETWASS-Projekt an der Freien Universität Berlin tätig.

Prof. Dr. Herbert Scheithauer ist Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin. Er leitet das BMBF-Forschungsverbundprojekt NETWASS.


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